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Dr. Harald Kegler
Stadtumbau
Eine Frage der Zeit:
"Charrette" - neue Möglichkeiten effektiver Beteiligung am Stadtumbau
 

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Quellen + Autor

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Von Paris nach Gräfenhainichen

Der Name des Verfahrens "Charrette" wurde dem Französischen entlehnt und bedeutet soviel wie Karren oder Wagen. Im Paris des 19. Jahrhunderts war es üblich, dass die Examensarbeiten der Studenten der Kunstakademie durch einen Kalfaktor abgeholt wurden und auf einem Karren durch die Stadt zur Akademie gebracht wurden. Da die Studenten meist nicht rechtzeitig fertig wurden, arbeiteten sie an ihren Gemälden noch während der Fahrt durch die Stadt. In aller Öffentlichkeit wurden die letzten Pinselstriche getätigt, meist begleitet von einer regen Anteilnahme der Bevölkerung.

Nach einhundert Jahren wird nunmehr nicht auf einem Karren gearbeitet, aber die intensive und stets in aller Öffentlichkeit ablaufende Planung erinnert noch an die Vorgänge in Paris. Vor 10 Jahren fand die erste "Charrette" der Region am Bauhaus in Dessau statt. Studenten der Universität Miami, der Fachhochschule Stuttgart und Planer vom Bauhaus sowie Vertreter der Gemeinde Vockerode beteiligten sich an der Planung für den Ort bei Dessau an der Autobahn, in welchem das markante Kraftwerk mit den vier Schornsteinen stand. (Stiftung Bauhaus Dessau, S. 266-267)

Mit dem Wettbewerb "Stadtumbau-Ost" ergab sich eine Möglichkeit, dieses Verfahren u.a. für die Kleinstadt Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt anzuwenden. Die Stadt, auch bekannt geworden durch die "Stadt aus Eisen - Ferropolis", entschloss sich, durch eine "Charrette" den notwendigen Planungsvorlauf für den weiteren Umbau der Stadt zuschaffen.

Die Kleinstadt erfuhr 1990 einen radikalen Entwicklungsbruch: sie war eine Bergarbeiterstadt. Zwei große Braunkohletagebaue prägten nicht nur die gesamte Umgebung der Stadt sondern auch die Struktur der Bevölkerung und den Alltag - alles drehte sich um die Kohle. Vor allem entstanden wegen dieser große Neubaugebiete. Die Einwohnerzahl verdoppelte sich auf etwa 10.000. Eine Wohnungsgesellschaft und eine Genossenschaft besitzen den Hauptteil des Bestandes mit den üblichen Charakteristika, die Plattenbaugebiete heute auszeichnen: zwischen 20 und 73% Leerstand, Modernisierungs- und partieller Abbruchbedarf. Dazu über 20% Arbeitslosigkeit in der Stadt. Die Stillegung der Tagebaue hat der Stadt ihre Identität genommen. Sie war kein Energielieferant mehr.

Es ist ein energischer Schritt der Stadtverwaltung, der von den Stadträten getragen wurde, das "Charrette"-Verfahren zu nutzen, um in der depressiven Stimmung, die die Stadt beherrscht, neue Ansätze zu finden. Die Möglichkeit, ein solches Verfahren anzuwenden, eröffnete der durch den Wettbewerb geschaffenen Spielraum. Die Kerngruppe der "Charrette" wurde durch einen von der Stadtverwaltung ausgeschriebenen, geladenen Wettbewerb ermittelt, wobei Ideen für neue Formen des Stadtumbaus, Kooperationsfähigkeit und Interdisziplinarität sowie eine Mischung lokaler und externer Büros beabsichtigt waren. In Gräfenhainichen wurde die "Charrette" durch eine Mini-Charrette über zwei Tage sowie durch ein vorbereitendes Seminar zu speziellen Fragen der Innovation der Energieversorgung und des Wohnungsbaus vorbereitet. Damit konnten sich zugleich die Beteiligten in der Stadt auf das "Charrette"-Verfahren einstellen.

Das vorliegende Ergebnis der "Charrette" bestätigte das Verfahren - sowohl die örtlichen Planer und Ingenieure, die Stadträte wie Wohnungsunternehmen bestätigten den Gewinn an Planungskultur und planerischem Vorlauf für Umbaumaßnahmen. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Thema "Stadtumbau" zu lenken, gelang durch die konzentrierte Arbeitsphase. Die Medien begleiteten den Prozess rege, die Schulen integrierten das Thema offiziell in den Unterricht, Schüler legten freiwillig Entwürfe vor - trotz Prüfungszeit! Und die Wohnungsunternehmen bekannten sich öffentlich zu den Ergebnisse, obgleich deutlich wurde, die "Charrette" hat nur den Ausgangspunkt gesetzt. Das Ziel, den Stadtumbau über ein Aufwertungsprogramm der wesentlichen öffentlichen Straßen-Räume, das Schaffen von Beispielen im Umbau besonders erneuerungsbedürftiger Plattenbauten und die Umstellung auf ein neues ökologisches System der Energieversorgung der gesamten Plattenbaugebiete einzuleiten wurde mit konkreten und umsetzungsfähigen Strategien erreicht.

Dennoch konnte mit der "Charrette" wie mit dem Wettbewerb überhaupt nur ein Impuls gesetzt werden. Die Frage, ob es gelingt, die "Charrette-Kultur" zu verstetigen, wird letztlich über den Erfolg des Stadtumbaus entscheiden. Die Erwartungen sind geweckt, Hoffnungen und Bereitschaft sind entstanden: Das Leitbild, "Stadt mit neuer Energie", das von Bewohnern kreiert wurde, bringt dies zum Ausdruck.
 

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