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Von Paris nach Gräfenhainichen
Der Name des Verfahrens "Charrette" wurde dem Französischen entlehnt und
bedeutet soviel wie Karren oder Wagen. Im Paris des 19. Jahrhunderts war es
üblich, dass die Examensarbeiten der Studenten der Kunstakademie durch einen
Kalfaktor abgeholt wurden und auf einem Karren durch die Stadt zur Akademie
gebracht wurden. Da die Studenten meist nicht rechtzeitig fertig wurden,
arbeiteten sie an ihren Gemälden noch während der Fahrt durch die Stadt.
In aller Öffentlichkeit wurden die letzten Pinselstriche getätigt, meist
begleitet von einer regen Anteilnahme der Bevölkerung.
Nach einhundert Jahren wird nunmehr nicht auf einem Karren gearbeitet,
aber die intensive und stets in aller Öffentlichkeit ablaufende Planung
erinnert noch an die Vorgänge in Paris. Vor 10 Jahren fand die erste
"Charrette" der Region am Bauhaus in Dessau statt. Studenten der Universität
Miami, der Fachhochschule Stuttgart und Planer vom Bauhaus sowie Vertreter
der Gemeinde Vockerode beteiligten sich an der Planung für den Ort bei Dessau
an der Autobahn, in welchem das markante Kraftwerk mit den vier Schornsteinen
stand. (Stiftung Bauhaus Dessau, S. 266-267)
Mit dem Wettbewerb "Stadtumbau-Ost" ergab sich eine Möglichkeit, dieses
Verfahren u.a. für die Kleinstadt Gräfenhainichen in Sachsen-Anhalt anzuwenden.
Die Stadt, auch bekannt geworden durch die "Stadt aus Eisen - Ferropolis",
entschloss sich, durch eine "Charrette" den notwendigen Planungsvorlauf für
den weiteren Umbau der Stadt zuschaffen.
Die Kleinstadt erfuhr 1990 einen radikalen Entwicklungsbruch: sie war eine
Bergarbeiterstadt. Zwei große Braunkohletagebaue prägten nicht nur die gesamte
Umgebung der Stadt sondern auch die Struktur der Bevölkerung und den Alltag -
alles drehte sich um die Kohle. Vor allem entstanden wegen dieser große Neubaugebiete.
Die Einwohnerzahl verdoppelte sich auf etwa 10.000. Eine Wohnungsgesellschaft
und eine Genossenschaft besitzen den Hauptteil des Bestandes mit den
üblichen Charakteristika, die Plattenbaugebiete heute auszeichnen:
zwischen 20 und 73% Leerstand, Modernisierungs- und partieller Abbruchbedarf.
Dazu über 20% Arbeitslosigkeit in der Stadt. Die Stillegung der Tagebaue
hat der Stadt ihre Identität genommen. Sie war kein Energielieferant mehr.
Es ist ein energischer Schritt der Stadtverwaltung, der von den Stadträten
getragen wurde, das "Charrette"-Verfahren zu nutzen, um in der depressiven
Stimmung, die die Stadt beherrscht, neue Ansätze zu finden. Die Möglichkeit,
ein solches Verfahren anzuwenden, eröffnete der durch den Wettbewerb
geschaffenen Spielraum. Die Kerngruppe der "Charrette" wurde durch einen
von der Stadtverwaltung ausgeschriebenen, geladenen Wettbewerb ermittelt,
wobei Ideen für neue Formen des Stadtumbaus, Kooperationsfähigkeit und
Interdisziplinarität sowie eine Mischung lokaler und externer Büros
beabsichtigt waren. In Gräfenhainichen wurde die "Charrette" durch eine
Mini-Charrette über zwei Tage sowie durch ein vorbereitendes Seminar zu
speziellen Fragen der Innovation der Energieversorgung und des Wohnungsbaus
vorbereitet. Damit konnten sich zugleich die Beteiligten in der Stadt auf
das "Charrette"-Verfahren einstellen.
Das vorliegende Ergebnis der "Charrette" bestätigte das Verfahren -
sowohl die örtlichen Planer und Ingenieure, die Stadträte wie Wohnungsunternehmen
bestätigten den Gewinn an Planungskultur und planerischem Vorlauf für
Umbaumaßnahmen. Die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Thema "Stadtumbau"
zu lenken, gelang durch die konzentrierte Arbeitsphase. Die Medien begleiteten
den Prozess rege, die Schulen integrierten das Thema offiziell in den Unterricht,
Schüler legten freiwillig Entwürfe vor - trotz Prüfungszeit! Und die
Wohnungsunternehmen bekannten sich öffentlich zu den Ergebnisse, obgleich
deutlich wurde, die "Charrette" hat nur den Ausgangspunkt gesetzt. Das Ziel,
den Stadtumbau über ein Aufwertungsprogramm der wesentlichen öffentlichen
Straßen-Räume, das Schaffen von Beispielen im Umbau besonders erneuerungsbedürftiger
Plattenbauten und die Umstellung auf ein neues ökologisches System der
Energieversorgung der gesamten Plattenbaugebiete einzuleiten wurde mit
konkreten und umsetzungsfähigen Strategien erreicht.
Dennoch konnte mit der "Charrette" wie mit dem Wettbewerb überhaupt
nur ein Impuls gesetzt werden. Die Frage, ob es gelingt, die "Charrette-Kultur"
zu verstetigen, wird letztlich über den Erfolg des Stadtumbaus entscheiden.
Die Erwartungen sind geweckt, Hoffnungen und Bereitschaft sind entstanden:
Das Leitbild, "Stadt mit neuer Energie", das von Bewohnern kreiert wurde,
bringt dies zum Ausdruck.
weiter mit Literatur- und Quellenangaben
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