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"Charrette": die Beteiligten nehmen sich in die Pflicht
In den USA entstand in den 80er Jahren als Ergebnis langjähriger
Auseinandersetzungen um die Verödung der Innenstadtbereiche und den
grenzenlos wachsenden "sprawl", die Zersiedlung in Form der
"suburban nation", das öffentliche Planungsverfahren der "Charrette".
Zunächst an Hochschulen probiert, gewann es vor allem in der
reformorientierten Städte- und Wohnungsbaupraxis schnell an Bedeutung.
"Charrette" ist im Zuge des Entstehens der amerikanischen
Städtebau-Reformbewegung Anfang der 90er Jahre zu einem festen
Bestandteil der neuen Planungskultur geworden.
(vgl. Duany, A., Plater-Zyberk, E., S. 23 sowie
www.charretteinstitute.org)
Die "Charrette" ist ein öffentliches und konsequent offenes Verfahren
der Optimierung von städtebaulichen Planungsprozessen mit direkter
Planungsdemokratie, lebendiger Interdisziplinarität und konkreter
Entscheidungsfindung. Sie bezeichnet ein Verfahren der erfolgsorientierten
Lösung komplexer Planungsprobleme in kurzer Zeit. Dabei werden die
notwendigen Verwaltungsverfahren durch Vorprüfungen integriert.
Der konkrete Planungsvorgang ist vor allem durch die sofortige
Rückkopplung der Planungsschritte mit Betroffenen, zu beteiligenden
Entscheidungsträgern, Eigentümern oder interessierten Bürgern
gekennzeichnet. Es wird gemeinsam am Plan gearbeitet. Eine Gruppe
von fünf bis 20 Personen aus unterschiedlichen Berufen und Interessen
bildet den Kern der "Charrette". Diese wird dann temporär erweitert,
teilt sich auf, führt Vor-Ort-Besichtigungen und Planungsüberprüfungen
durch und ist stets offen für hinzukommende Bewohner, Interessierte
und Spezialisten. Der professionelle Planer oder Architekt, der zur
Kerngruppe gehört, wird nicht ersetzt, sondern in neuer Weise gefordert.
Er verlässt die Rolle des "einsamen Vordenkers" oder des "neutralen
Moderators". Der Planer ist Vermittler, Anreger, Zuhörer, stets
offener Gesprächspartner und verantwortungsvoller Fachmann für die
Belange einer bestandsorientierten Stadtentwicklung. Das Verfahren
ist zeitlich begrenzt, in der Regel eine Woche. Es kann auch
gestaffelt werden und - je nach Umfang der Aufgabe - in Etappen
durchgeführt werden. Während der "Charrette" werden in einem Mix von differenzierten Verfahren, die auf die jeweilige Situation der Stadt, des Wohngebietes
oder der Region abzustimmen sind, schrittweise machbare Lösungen
entwickelt, die dann Entscheidungsgrundlage der gewählten Gremien
oder der Unternehmen sind. Da diese vorher alle selbst an der
Erarbeitung der Lösungen beteiligt waren, verläuft der Umsetzungsprozess
wesentlich effektiver und führt in der Regel zu einem Erfolg. Es
gibt kein starres Schema für eine "Charrette". Sie ist jedes Mal
neu zu erfinden und auf die konkreten Bedingungen anzupassen.
Kreativität ist gefragt und Erfahrung bei der Koordinierung der
Beteiligten. Es gehört vor allem ein Umdenken bei Planern und
bei Verwaltungen dazu, "klassische" Wege des Planens zu verlassen.
Die "Charrette" erfolgt in einem stets zugänglichen Büro, das für
die Stadtöffentlichkeit gut erreichbar ist und einladend wirkt.
Alle Planungen werden verständlich kommuniziert, Widersprüche werden
sofort ausdiskutiert und im konkreten Plan fixiert. Dabei wird sowohl
in parallelen Gruppen als auch in gemeinsamen Foren gearbeitet. Die
Verwaltung hat sich auf die "erzwungene Öffentlichkeit" einzustellen,
es gibt keine Tabus. Gerade bei geringer werdendem Interesse der
Öffentlichkeit an Fragen der Stadtentwicklung, aber der Notwendigkeit
unter neuen Bedingungen konkret zu handeln, kommt der Suche nach neuen
mobilisierenden Verfahren für die städtebauliche Erneuerung der Städte
eine besondere Bedeutung zu. Das "Charrette"-Verfahren bietet eine solche
Möglichkeit an. Es orientiert sich an folgenden Prinzipien:
- permanenter und konzentrierter Arbeitsprozess an einem markanten und gut erreichbaren Ort,
- kurze Rückkopplungszyklen während der Planungsarbeit und ständige Diskussionsangebote in verschiedenen Formen,
- disziplinäre Grenzen überschreitende Teamarbeit,
- Einbeziehung lokaler Wissensträger,
- Arbeit in direkter räumlicher Nähe zu den umzugestaltenden Bereichen,
- zeitliche Komprimierung des Bearbeitungsprozesses und breite öffentliche Kommunikation dessen,
- konkrete Ergebnisorientierung und Veranschaulichung der Planungen in verständlicher Weise.
(Phillips, D., Kegler, H., Serbser, W. u.a., S. 6, 7)
Sicher ist dies nicht das einzige Verfahren. Bereits in den 70er und 80er
Jahren wurden viele Möglichkeiten ausprobiert. Ob dies "Planungsmakler",
"Planungszellen", "Planungswerkstätten", "Zukunftswerkstätten", verschiene
Moderations- und Mediationsverfahren sind, alle stellen Alternativen oder
Ergänzungen zu den "klassischen" Planungsmethoden dar, wie sie für die
Bauleitplanung üblich geworden sind. Jetzt stehen diese Verfahren auf dem
Prüfstand. Ein Wandel mit weitreichenden Folgen wird notwendiger denn je,
will man den fundamentalen Prozess des gegenwärtigen Stadtumbaus langfristig
gestalten, um eine menschliche Stadt und lebenswerte sowie wirtschaftlich
tragfähige Wohnbedingungen erzielen bzw. erhalten. (vgl. Hoffmann-Axthelm,
D., S. 267-268) Inzwischen verbreitet sich auch in Europa das
"Charrette"-Verfahren zunehmend.
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