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Dr. Harald Kegler
Stadtumbau
Eine Frage der Zeit:
"Charrette" - neue Möglichkeiten effektiver Beteiligung am Stadtumbau
 

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"Charrette": die Beteiligten nehmen sich in die Pflicht

In den USA entstand in den 80er Jahren als Ergebnis langjähriger Auseinandersetzungen um die Verödung der Innenstadtbereiche und den grenzenlos wachsenden "sprawl", die Zersiedlung in Form der "suburban nation", das öffentliche Planungsverfahren der "Charrette". Zunächst an Hochschulen probiert, gewann es vor allem in der reformorientierten Städte- und Wohnungsbaupraxis schnell an Bedeutung. "Charrette" ist im Zuge des Entstehens der amerikanischen Städtebau-Reformbewegung Anfang der 90er Jahre zu einem festen Bestandteil der neuen Planungskultur geworden.
(vgl. Duany, A., Plater-Zyberk, E., S. 23 sowie  www.charretteinstitute.org)

Die "Charrette" ist ein öffentliches und konsequent offenes Verfahren der Optimierung von städtebaulichen Planungsprozessen mit direkter Planungsdemokratie, lebendiger Interdisziplinarität und konkreter Entscheidungsfindung. Sie bezeichnet ein Verfahren der erfolgsorientierten Lösung komplexer Planungsprobleme in kurzer Zeit. Dabei werden die notwendigen Verwaltungsverfahren durch Vorprüfungen integriert. Der konkrete Planungsvorgang ist vor allem durch die sofortige Rückkopplung der Planungsschritte mit Betroffenen, zu beteiligenden Entscheidungsträgern, Eigentümern oder interessierten Bürgern gekennzeichnet. Es wird gemeinsam am Plan gearbeitet. Eine Gruppe von fünf bis 20 Personen aus unterschiedlichen Berufen und Interessen bildet den Kern der "Charrette". Diese wird dann temporär erweitert, teilt sich auf, führt Vor-Ort-Besichtigungen und Planungsüberprüfungen durch und ist stets offen für hinzukommende Bewohner, Interessierte und Spezialisten. Der professionelle Planer oder Architekt, der zur Kerngruppe gehört, wird nicht ersetzt, sondern in neuer Weise gefordert. Er verlässt die Rolle des "einsamen Vordenkers" oder des "neutralen Moderators". Der Planer ist Vermittler, Anreger, Zuhörer, stets offener Gesprächspartner und verantwortungsvoller Fachmann für die Belange einer bestandsorientierten Stadtentwicklung. Das Verfahren ist zeitlich begrenzt, in der Regel eine Woche. Es kann auch gestaffelt werden und - je nach Umfang der Aufgabe - in Etappen durchgeführt werden. Während der "Charrette" werden in einem Mix von differenzierten Verfahren, die auf die jeweilige Situation der Stadt, des Wohngebietes oder der Region abzustimmen sind, schrittweise machbare Lösungen entwickelt, die dann Entscheidungsgrundlage der gewählten Gremien oder der Unternehmen sind. Da diese vorher alle selbst an der Erarbeitung der Lösungen beteiligt waren, verläuft der Umsetzungsprozess wesentlich effektiver und führt in der Regel zu einem Erfolg. Es gibt kein starres Schema für eine "Charrette". Sie ist jedes Mal neu zu erfinden und auf die konkreten Bedingungen anzupassen. Kreativität ist gefragt und Erfahrung bei der Koordinierung der Beteiligten. Es gehört vor allem ein Umdenken bei Planern und bei Verwaltungen dazu, "klassische" Wege des Planens zu verlassen. Die "Charrette" erfolgt in einem stets zugänglichen Büro, das für die Stadtöffentlichkeit gut erreichbar ist und einladend wirkt.

Alle Planungen werden verständlich kommuniziert, Widersprüche werden sofort ausdiskutiert und im konkreten Plan fixiert. Dabei wird sowohl in parallelen Gruppen als auch in gemeinsamen Foren gearbeitet. Die Verwaltung hat sich auf die "erzwungene Öffentlichkeit" einzustellen, es gibt keine Tabus. Gerade bei geringer werdendem Interesse der Öffentlichkeit an Fragen der Stadtentwicklung, aber der Notwendigkeit unter neuen Bedingungen konkret zu handeln, kommt der Suche nach neuen mobilisierenden Verfahren für die städtebauliche Erneuerung der Städte eine besondere Bedeutung zu. Das "Charrette"-Verfahren bietet eine solche Möglichkeit an. Es orientiert sich an folgenden Prinzipien:

  • permanenter und konzentrierter Arbeitsprozess an einem markanten und gut erreichbaren Ort,
  • kurze Rückkopplungszyklen während der Planungsarbeit und ständige Diskussionsangebote in verschiedenen Formen,
  • disziplinäre Grenzen überschreitende Teamarbeit,
  • Einbeziehung lokaler Wissensträger,
  • Arbeit in direkter räumlicher Nähe zu den umzugestaltenden Bereichen,
  • zeitliche Komprimierung des Bearbeitungsprozesses und breite öffentliche Kommunikation dessen,
  • konkrete Ergebnisorientierung und Veranschaulichung der Planungen in verständlicher Weise.

(Phillips, D., Kegler, H., Serbser, W. u.a., S. 6, 7)

Sicher ist dies nicht das einzige Verfahren. Bereits in den 70er und 80er Jahren wurden viele Möglichkeiten ausprobiert. Ob dies "Planungsmakler", "Planungszellen", "Planungswerkstätten", "Zukunftswerkstätten", verschiene Moderations- und Mediationsverfahren sind, alle stellen Alternativen oder Ergänzungen zu den "klassischen" Planungsmethoden dar, wie sie für die Bauleitplanung üblich geworden sind. Jetzt stehen diese Verfahren auf dem Prüfstand. Ein Wandel mit weitreichenden Folgen wird notwendiger denn je, will man den fundamentalen Prozess des gegenwärtigen Stadtumbaus langfristig gestalten, um eine menschliche Stadt und lebenswerte sowie wirtschaftlich tragfähige Wohnbedingungen erzielen bzw. erhalten. (vgl. Hoffmann-Axthelm, D., S. 267-268) Inzwischen verbreitet sich auch in Europa das "Charrette"-Verfahren zunehmend.
 

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