 |

|
 |
Dr. Harald Kegler
Bauhaus und New Urbanism - die Gegensätze berühren sich!
Die Annäherung
Beispiel für ein systematisches internationales Kooperationsvorhaben zur Gestaltung
der "Industrie- Folge-Umwelt" - Anzeichen für den Beginn einer neuen Städtebau-Kultur.
Das Bauhaus der 90er Jahre wandte sich als wiedereröffnete Gestaltungs-
und Kulturinstitution der Auseinandersetzung um die Erbschaft der Moderne
und den Folgen des Industriezeitalters an hand exemplarischer Gestaltungsexperimente
"vor dessen Haustür" zu (analog zum historischen Bauhaus). Es tat dies mit
der Absicht, die Folgen der industriellen Moderne des 20. Jahrhunderts -
sichtbar am "Sündenfall Bitterfeld" - als universelle Herausforderung zu
thematisieren und mit spezifischen, komplex angelegten Interventionen,
sichtbaren "Bauwerken" und internationalen Kooperationsprojekten praktische
Beiträge zu liefern. Somit wandelte das Bauhaus seine historische Rolle
als Promotor der ästhetischen Moderne auf großindustrieller Basis zu einem
Promotor der kulturellen Postmoderne auf sich radikal wandelnder industrieller Basis.
Der Ausgangspunkt für diese konzeptionelle Orientierung war entstanden
aus dem Umbruch 1989/90 in der DDR und dem sich daran anschließenden radikalen
Wandel in allen gesellschaftlichen Sphären. Dieser Bruch ging einher mit einem
Identitätsverlust, der existenzielle Fragen ganzer Regionen stellte. Die
einsetzende Deindustrialisierung führte zu einer Massenarbeitslosigkeit
und zu einer Entwertung von Städten und Regionen. Es war aber auch ein -
vor allem schon zu DDR-Zeiten entstandener Verlust an kulturellen Grundlagen,
von historischem Bewusstsein festzustellen, der nun verstärkt wurde und die
den Neuaufbau von spezifischen Identitäten der Städte und Regionen mit einer
Zukunftsorientierung erschwerte.
Das Bauhaus in Dessau war zwar als Institution bereits 1987 neu gegründet worden -
als sog. "Zentrum für Gestaltung der DDR". Doch es hatte kaum Entfaltungsmöglichkeiten
gehabt. Im Herbst 1989, mitten in den ersten zaghaften Versuchen sich als
Gestaltungsinstitut zu emanzipieren, fand die "Wende" statt - die Mauer fiel.
Eine Zäsur deutete sich an. Das Bauhaus hatte in der später als "historisch"
bezeichneten Woche vom 4. bis 9. November 1989 ein internationales Planungsseminar
zur Stadterneuerung veranstaltet. Die Teilnehmer kamen u. a. aus Israel,
Finnland, West-Deutschland oder der Sowjetunion. In diesem "Walter-Gropius-Seminar"
wurde die Idee des "Industriellen Gartenreichs" geboren. Diese Idee war aus dem
Eindruck der politischen und ökonomischen Umwälzungen heraus entstanden. Sie
formulierte die historischen und kulturellen Grundlagen einer Zukunftsgestaltung
der Region, ihrer Städte und Landschaften, und umriss die Vision einer menschlichen
Lebensumwelt, die Geschichte und Bestand respektiert, wirtschaftlich tragfähig
ist und die devastierte Umwelt wieder zu einem attraktiven Wohn- und Freizeitort
werden lässt. Erste konkrete Projektvorschläge richteten sich auf die Erneuerung
der durch Kriegslücken, autogerechten Nachkriegs-Aufbau und Verfall der alten
Bausubstanz geprägten Stadt des Bauhauses, Dessau.
Im September 1990 legte die Experimentelle Werkstatt des Bauhauses -
institutioneller Träger der Projekte zum Industriellen Gartenreich am Bauhaus,
grundlegende Thesen für die weitere Arbeit vor. Sie hatten eine sehr stark
kulturell und ökologisch orientierten Ansatz, der das Erbe des Bauhaus einer
Kritik unterzog, zugleich aber das experimentelle Potenzial würdigte. Dies
war noch kein Handlungsprogramm, sondern die Dokumentation einer Haltung für
die zukünftigen Gestaltungsaufgaben. Das Programm wurde auf der Basis der
Entwicklung erster Projekte "geschmiedet" - also erst die Referenzen für die
Haltung schaffen, dann das Programm ausarbeiten und in die breite Umsetzung
führen. Auch hier ergeben sich Bezüge in der Vorgehensweise mit dem N.U.
Mit dieser Idee, an deren Ausarbeitung wesentlich Harald Bodenschatz,
TU Berlin, beteiligt war, wurden in der Folgezeit wichtige Grundlagen für
die Etablierung des Bauhauses als neuer, internationaler Institution für
Gestaltung. Die TU Berlin gehörte neben Universitäten in Polen, Großbritannien
oder Brasilien zu den wichtigsten Partnern in der gesamten Zeit der Entwicklung der Projekte.
These: das Bauhaus der 90er und die Bewegung des New Urbanism haben eine
gemeinsame Basis: der Bruch der Moderne infolge des Wandels wirtschaftlicher
und kultureller Leitprinzipien ("Postfordismus", Bestandsentwicklung,
kulturelle Diversifizierung, ...). Beide unterscheiden sich in der jeweiligen
kulturellen Kontexten, historischen Bezügen und gestalterischen Ausdrucksweisen.
Für das Bauhaus der 90er stünden hierfür "Ferropolis", "Piesteritz" und
"landart- gardening" in der post-mining landscape, während für New Urbanism
Seaside , Civano oder Milwaukee-downtown stehen können. Ihr Ziel war/ist der
Umbau der aus den Folgen der Hochindustrialisierung hervorgegangenen urbanen,
suburbanen und industriellen Umwelt. Deshalb sind/waren beide keine
Produktgestalter im engeren Sinne, sondern orientierten auf die umfassenden
Gestaltungsbereiche gesellschaftlicher Räume: STADT und REGION. Diese
Gemeinsamkeiten treten hinter die Unterschiede in gestalterischer Hinsicht
und in Hinsicht auf die sozio- ökonomischen Bezüge zurück. Das Bauhaus-Projekt
entstand unter den Bedingungen ökonomischer Schrumpfung, sozialer Spannung
mit extrem hoher Arbeitslosigkeit und radikalem Abbau der strukturbestimmenden
Industrie, verbunden mit "planlosem" Wachstum der Städte und Siedlungen an
deren Rändern, dem Brachfallen ganzer Regionen und dem schlagsartigen Ändern
der Besitzverhältnisse an grund und Boden in Folge der deutschen Einheit.
CNU entstand und entwickelte sich unter den Bedingungen eines Wirtschaftsbooms,
enormer Bautätigkeit, geringer Arbeitslosigkeit und Bevölkerungswachstum.
Die ästhetischen "Welten" von Moderne (und ihrer aktuellen Interpretation
in der europäischen Fachwelt) und neotraditionalistischer Gestaltung der
meisten N.U. - Projekte, lässt auf den ersten Blick keine direkte Korrespondenz vermuten.
Der europäische Neotraditionalismus (z. B. Schule von Prinz Charles
oder "Vision of Europe") hat im Grunde wenig mit dem N.U. zu tun, da diese
Ansätze sich nicht als Städtebaubewegung verstehen und nicht die Umbrüche
der Industriegesellschaft und ihre räumlichen/sozialen Konsequenzen zum
Thema erheben. Sie sind vielmehr eine stilistische Haltung, die sich im
Spektrum anderer zu behaupten sucht. Dennoch kennt der aktuelle Städtebau
in Europa viele Projekte, die den Haltungen des N.U. nahe kommen, ja
vieles davon bereits realisiert haben, was in den USA mit viel Mühe aufgebaut
wird, denkt man nur an den öffentlichen Nahverkehr. Es gibt jedoch keine
systematische Vernetzung im städtebaulichen Diskurs, der die Kraft einer
Bewegung hätte. Deshalb auch die Aufgabe hier: eine Dokumentation der
Kooperationsprozesse zwischen einem europäischen Akteur und einer im N.U.
aktiven Institution.
|