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Dr. Harald Kegler
Ferropolis - "Die Stadt aus Eisen im Industriellen Gartenreich"
Die Annäherung

Auf dem Wege von Oranienbaum im historischen Gartenreich nach Süden in die Dübener Heide
begegnet dem Besucher eine ungewohnter, seltsamer Ort. Er passt so gar nicht in das
vertraute Bild der Heidelandschaft. Stahlkolosse erheben sich am Rand eines großen Sees -
das soll Heide sein? Ein Irrtum? Ist die falsche Route gewählt worden? Gerade noch
passierte die Reisegruppe eine wirkliche Heide, benannt nach der kleinen barocken
Stadt Oranienbaum. Dies war vor 300 Jahren auch eine Neugründung in der Heidelandschaft.
Eine Sommerresidenz für die Prinzessin aus dem fernen Holland. Diese Stadt mag für
die damaligen Bewohner, Heidebauern und Köhler, ebenso fremd gewirkt haben wie die
heutige "Stadt aus Eisen", so ihr Name. Damals legte der Gartenarchitekt Rykwaert
ein System weitausladender Achsen an, entwarf ein dreiflügliges Schloss,
einen großen Park, einen Marktplatz mit rektangulärer Bebauung, später kam
noch eine gewaltige Kirche dazu. Ein hundert Jahre danach schuf Fürst Franz
das Gartenreich in den Auen der Elbe und Mulde. Er bezog Oranienbaum ein und
legte einen chinesischen Garten an - und dies in der Heide.
Das Bild änderte sich erneut, als das Industriezeitalter begann.
Unter der Heide lagerten Braunkohlevorkommen. Für die energiehungrige
Industrie bot sich eine günstige Entwicklungsbasis. Aus beschaulich,
aber armen Heidedörfern wurden Industriesiedlungen. Die Kirche von Oranienbaum
erhielt ein Pendant, die Industriekathedrale von Zschornewitz, später kamen
weitere in Vockerode, in Bitterfeld und Wittenberg hinzu. Die Heide wurde
umgewühlt, gigantische Maschinen prägten der Landschaft ihren Stempel auf.
Viele Menschen von fernen Regionen kamen her und fanden neue Arbeit. Eine
harte Arbeit, aber sie brachte Wohlstand. Kulturhäuser entstanden, romantische
Werkssiedlungen wurden gebaut, das Land wurde elektrifiziert.
Industrielandschaft und historisches Gartenreich gingen eine spannungsvolle
"Hochzeit" ein und die Heide wurde Trauzeuge. So könnte ein Reiseführer den
abrupten Wechsel in den Landschaften am nördlichen Zugang zur Dübener Heide
erklären.
Heute schiebt sich die Bergbaufolgelandschaft als eine "Seenplatte" in die Heide.
Aufgereiht wie eine Perlenkette finden sich hier neben den zahlreichen kleinen und
großen Seen vielfältige Zeugnisse der alten Industrie und neue Zeichen für den Wandel -
Ferropolis ist das markanteste. Aber auch das umgenutzte Kraftwerk Zschornewitz,
die erneuerte Werkssiedlung, der Windpark oder die wieder betriebene Eisenbahn gehören dazu.
Die Entstehung
Im Ernst - Ferropolis wird eine "Stadt". (Vgl. Kegler, H., 1999, S. 114 - 118)
"In einer der Exkursionen zu dem Tagebaurestloch Golpa-Nord und uns unberechtigt
auf dem dortigen Gelände vor einem Baggerverschrottungsplatz aufhaltend, wurden
wir von einem ungewöhnlich schnell heranfahrenden Trabi überrascht.
Zwei Herren stiegen aus. Einer von ihnen beleibt und zwar so sehr,
dass sein rotes T-Shirt nicht bis zur Hose reichte. Daneben trug er noch
einen breitkrempigen Cowboyhut und einen Revolver. Ich ging auf die beiden zu:
"Phantastische Geräte diese Bagger... usw. - Es ist verboten das Gelände...
die werden verschrottet. Auf dem einen hier bin ich fünf Jahre lang gefahren.
Eigentlich schade. Man könnte ein Cafe oder eine Aussichtsplattform daraus machen.
Aber das interessiert ja keinen und ist sowieso nur Spinnerei."
So begann vor 10 Jahren das Gespräch der Ferropoli s- "Erfinder" vom Bauhaus
mit ehemaligen Bergleuten, die nunmehr eingesetzt worden waren,
um die stillgelegte Grube zu bewachen.
Auf dem stillgelegten Industrieareal inmitten des ausgekohlten Tagebaus
entsteht ein Kunstort. Dort, wo einst das "Headquarter" des Grubenbetriebes
seinen Sitz hatte, den sogenannten Tagesanlagen, Serviceeinrichtungen für
den Bergbaubetrieb mit "Dispatcher" (Management), zentraler Energieversorgung
und Logistik, entsteht die künstliche Neuansiedlung: Fünf ausgediente
Schaufelrad- und Eimerkettenbagger sowie Absetzer, jeweils bis zu 150 m Länge
und über 30 m Höhe, wurden an diesen Ort transportiert und zu einem Ensemble
um eine Arena gefügt. 8000 Tonnen zur Verschrottung vorgesehener Stahl in Form
gigantischer und zugleich filigraner Konstruktionen werden einen neuen Sinn erhalten.
Die zur Ruhe gekommenen Großgeräte wecken Assoziationen: Diese "Vögel" aus Urzeiten,
die Saurier einer vergangenen Epoche haben sich in einem Horst eingefunden und
beraten über ihr zukünftiges Leben in einer Zeit, da ihresgleichen ausgestorben sein werden...
Was hat dies mit "Stadt" zu tun? Ein Arrangement stillgelegter Relikte eines Industriezweiges,
der überflüssig geworden ist, hat eher etwas Museales an sich, als dass es mit der
Urbanität einer alten Stadt mit ihren Straßen, Plätzen und Architekturen verschiedener
Epochen zu tun hätte. Das Ensemble bildet eine Konstruktion von neuer Wirklichkeit
mit authentischen Objekten der industriellen Vergangenheit - und nur mit solchen.
Es hebt sich ab vom üblichen Weg der Sanierung der menschengeschaffenen
"Mondlandschaften", die ansonsten alle Spuren des Eingriffs in die Landschaft
zu tilgen pflegt. Durch den Erhalt von Elementen des Braunkohlebergbaus entstand
Raum für neue Möglichkeiten der Gestaltung.
Ferropolis ist Museum und Mahnmal, Stahlskulptur, Veranstaltungsareal mit
Freizeitgewerbe, Ort der Entspannung, Landmarke und war Werbeträger der EXPO
in Sachsen-Anhalt. Dies deutet auf einen Freizeitpark, wie er seit "Gas Works"
in Seattle von 1972 bis zum Stahlwerk Duisburg-Meiderich der 90er Jahre auf
stillgelegten Industrieanlagen eingerichtet wurde. Ferropolis ist mehr.
Hier entsteht etwas Neues: Die industriegeschichtlichen Objekte sind an
einem für diese neuen Ort zu einem neuen und doch alten Gebilde gefügt
worden. Die Großgeräte waren monströs erscheinende Werkzeuge: "Ferropolis"
bildet ein Monument der vergangenen Arbeit und der Technikfaszination,
aber auch neuer Freizeitmöglichkeiten und neuer Tätigkeiten. So schwankt
die "Stadt" zwischen Kultort und Keimzelle sozialer Aktivität, deren
kulturelle und ökonomische Basis nicht mehr die im 19. Jahrhundert
entstandene Industriearbeit ist.
Die Bagger sind unter Denkmalschutz gestellt worden - eine Voraussetzung
ihrer Weiternutzung. Das gesamte Ensemble ist jedoch ein Denkmal besonderer Art.
Die Denkmale stehen an einem neuen Ort und haben nichts mehr mit ihrer
ursprünglichen Funktion gemein. Ist das noch ein Denkmal? Wird hier nicht
Denkmalschutz zum "Bauchladen" des beliebigen Umgangs mit der Industriegeschichte?
Vielleicht aber verbirgt sich gerade in dem unkonventionellen Umgang mit den
Hinterlassenschaften der Industrie ein unprätentiöser Umgang mit Denkmalen.
Kein Konservieren des Vergangenen, sondern Weiterentwicklung, heißt das Motto.
Ferropolis hat "die Rolle einer doppelten Mahnung: Ein industrielles
Zeitalter des Denkens in großen Dimensionen der Apparate bei kleinem
Horizont der Ökonomie ist endgültig vorbei. Der Referenzkapitalist Staat,
den Marx noch beschwören musste, ist der Globalisierungsfalle anheim gefallen.
Dafür ist Ferropolis tatsächlich das derzeit beste Denkmal. Andererseits
mag die Baggerstadt den Menschen der Region als Ansporn dienen, aus der
eigenen Notsituation heraus Mikrostrukturen schaffen, die erst in einer
oder zwei Generationen als Identität sich niederschlagen können -
etwa in der Ansiedlung postindustrieller Gewerke. ..."
(Sachsse, R., 1987, Internet- Kommentar)
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