Industrielles Gartenreich
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Der Begriff Vorschläge Realisierung EXPO 2000 Ausblicke

Harald Kegler
Bilanz und Zukunft

"Das 21. Jahrhundert wird ein kulturelles - oder gar keines sein."
(Laville, Leenhardt 1996, 15).

Diese dramatische Zuspitzung gesellschaftlicher Perspektiven scheint ein Entrinnen kaum zuzulassen und verschließt somit Handlungs- möglichkeiten. Überzeichnungen jedoch verdeutlichen Positionen.
Nach der Katastrophe des Ersten Weltkrieges wurde im ersten Programm des Bauhauses von 1919 die Forderung nach einer kulturellen Synthese für die Gestaltung einer neuen Welt erhoben: "Das letzte, wenn auch ferne Ziel des Bauhauses ist das Einheitskunstwerk - der große Bau - ... ." (Zit. n. Hüter 1976, 207) Und: diese Baumeister sollten aus "Wüsten Gärten bauen"; ein utopisch anmutender Vorgriff auf zukünftige Bauaufgaben. (Vgl. Gropius 1919, 64)

Am jetzigen Jahrhundertwechsel erfahren Bilanzen und Ausblicke eine Konjunktur. Doch weder euphorische Fortschrittszuversicht noch Heilsbeschwörung vermögen Optionen für eine Zukunftsgestaltung zu offenbaren.
Das zurückliegende Jahrhundert brachte ein Versprechen zur Gestaltung des Lebensraumes hervor: Industrie und Garten seien zu versöhnen, ihre Gegensätze aufzuheben, wodurch eine neue Kultur des urbanen Raumes entstehen würde. Das Versprechen hatte eine große suggestive und motivierende Kraft.

Garten Golpa Nord

Der Wunsch, eine Harmonisierung, eine Auflösung von Gegensätzen in sozialen, wirtschaftlichen und ästhetischen Bereichen mittels Gestaltung zu erreichen, brachte vielfältige Ideen und praktische Versuche hervor - doch es blieb beim Wunsch. Das Jahrhundertansinnen einer harmonisch gestalteten schönen Lebensumwelt, befreit von schroffen Antagonismen und Widersprüchen, muss als vergeblich und irreführend angesehen werden. Widersprüche lassen sich nicht kaschieren oder mittels technischer Mittel versöhnlich gestalten.
 

Bergbaulandschaft

Das Versprechen der Industrie, eine humane Utopie erlebbar werden zu lassen und zugleich eine Strategie des Gartens als Kultivierungsaufgabe neu in Angriff zu nehmen, konnte jetzt - am Wendepunkt der Industrialisierung - auf die Tagesordnung treten. Ohne Industrie und die durch sie geprägte städtische Umwelt ist die Umsetzung dieses Versprechens jedoch kaum denkbar - weshalb die eigentliche Kultivierungsaufgabe noch bevorsteht. Industrielles Gartenreich ist ein Schritt auf dem Weg einer solchen Strategie.
 
In den Industrieländern ist das Gröbste aufgeräumt, das ein Jahrhundert hinterließ. Doch die Folgen der Industrialisierung werden eine Halbwertzeit von Generationen haben. Hier ist nichts zu beschönigen, aber auch nichts einer fatalistischen Ohnmacht zu übereignen.
Eine Krise war auch Geburtsstunde des historischen Gartenreichs. Als Reaktion entstand ein miniaturisierter Spiegel europäischer Kulturgeschichte und neuester Errungenschaften auf wirtschaftlichem, sozialem und künstlerischem Gebiet. Die "verschönerte Natur", d.h. das "ganze Land als Garten" zu gestalten, entsprach dem Ziel, eine menschenwürdige Umwelt zu schaffen. Das Mittel dazu war die Gestaltung einer Bildungslandschaft, gewachsen aus dem Milieu des kulturellen Austauscha, der Fantasie und des Respekts vor Natur und Geschichte.
 

Ferropolis

Der Intension, einem "neuen Menschen" den Weg zu ebnen in ein Zeitalter der industriellen Kultur, war das historische Bauhaus verpflichtet. Mit dem Übergang in das Zeitalter der Nachhaltigkeit entsteht nun eine neue Herausforderung für die Gestaltung einer Bildungslandschaft.
Diese Zukunftsaufgabe umfaßt auch ein Nichtvergessen widersprüchlicher Geschichte. Angesichts globaler Machtkonstellationen und sozialer und ökologischer Lasten sind Handlungen in neuen Allianzen, Kooperationsformen, Interventionsaktionen und Netzwerken möglich. Dies hat ein Lernmilieu zur Voraussetzung, getragen und angeregt von Impulsgebern, die kritische Reflexion und Gestaltung zu verbinden vermögen.
 

Modell des Berufsschulzentrums Bitterfeld

Das Industrielle Gartenreich ist ein priviligierter Projektraum: reich an gebauten Visionen, ausgestattet mit einer hohen programmatischen Dichte, zugleich Sinnbild für Irrtum und Rücksichtslosigkeit. Das neue Bauhaus vermochte dies zu verarbeiten und in Projekte für eine Kultivierungsstrategie zwischen "Industrie und Garten" zu überführen. Jede Region bedarf eines solchen Instituts - zwischen gesellschaftlichen Interessen agierend, international verbunden, beweglich und statisch sowie fantasievoll für die angemessene Kultivierung der Umwelt eintretend. Diese Institutionen gehören zu den Knotenpunkten einer internationalen Bewegung, die sich zu formieren beginnt. Sie kennt ihre Referenzprojekte, ob in den Internationalen Bauausstellungen, den "Regionen der Zukunft" Europas oder vielfältiger Iniativen ähnlicher Art in der Welt.
So treten Protagonisten hervor, neue Netzwerke entstehen in direktem Spannungsverhältnis zu den etablierten, oft in den Strukturen des verebbenden, alten Industriezeitalters verflochtenen Institutionen.
Industrielles Gartenreich ist aufgrund der Traditionen als europäische Kulturregion, als Raum zukunftsweisender Experimente und als neue Bildungslandschaft prädestiniert, neuartige Inhalte und Institutionen anzuregen.
Es gehört zur Kultur, dieses Privileg in einen internationalen Austausch einzubringen und als Gegengewicht zu einer einseitigen Globalisierung zu etablieren.


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