Industrielles Gartenreich
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Der Begriff Vorschläge Realisierung EXPO 2000 Ausblicke

Eine neue Kraft entsteht

Die Betrachtung der Historizität und der Widersprüchlichkeit zweier kultureller Epochen und ihrer konkreten Ausformungen ist heute Aufgabe des Projektes Industrielles Gartenreich.
 
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Denn aus diesem Verhältnis können orientierende Maßstäbe und konkrete Maßnahmen für eine langfristig tragfähige Entwicklung der von uns gestalteten Lebensumwelt abgeleitet werden.
Nach dem Anstoß für dieses Projekt während des Gropius-Seminars im November 1989 bestand vor dem Hintergrund sich abzeichnender Wandlungen die Notwendigkeit, Strategien für einen veränderten Weg der industriellen Entwicklung zu formulieren. Es entstanden die programmatischen Umrisse des Industriellen Gartenreichs: ursprünglich als "sozialorientiertes industrielles Gartenreich, also als Vermittlung von

Industrieentwicklung und Sicherung der Landschaft, als Konzept einer neuen Einheit von Wohnen, Arbeiten und Kultur/Freizeit unter ökologischer Perspektive bei gleich- zeitigem Respekt vor der Geschichte" (Bodenschatz 1989, 258).
Kern des Konzeptes Industrielles Gartenreich ist die Reaktivierung der historischen Schichten in ihren programmatischen Bedeutungen durch reale Projekte und Kulturarbeit. Denn diese programmatischen Bedeutungen stehen im Verhältnis zu den heutigen Konfliktsituationen.
1990 begann das Industrielle Gartenreich, institutionelle Kraft zu gewinnen.


Am 30. Juni 1990 wurde das Projekt anlässlich eines Aktionstages am Bauhaus der Öffentlichkeit vorgestellt. Eine Definition des Industriellen Gartenreichs, Diplomarbeiten zu Projekten auf Industriebrachen sowie ein szenisch-musikalischer Spaziergang zwischen Bauhaus und Georgengarten verliehen der Vorstellung des Projektes den wissenschaftlichen und kulturellen Rahmen. Im Herbst 1990 erhielt die experimentelle Werkstatt am Bauhaus Dessau den Beinamen Industrielles Gartenreich. Der regional agierende Verein gleichen Namens führte verschiedene Akteure zusammen, um eine behutsame Erneuerung der Region zu befördern. Im Herbst 1990 sendete das ostdeutsche Fernsehen einen ersten Filmbeitrag über das Projekt Industrielles Gartenreich. Die öffentliche Debatte begann.
 

Sandwüsten und Wasserläufe

Ab 1991 wurde das Industrielle Gartenreich konkreter: Erneuerungsprojekte für die Industriesiedlungen in Piesteritz bei Wittenberg und in Zschornewitz, Gestaltungsvorschläge für die Bergbaufolgelandschaft, Ideen für die Umnutzung der Kraftwerksanlagen in Vockerode, Stadterneuerungsprojekte in Wittenberg, Dessau und Bitterfeld und Projekte zu Teilbereichen des Gartenreichs machten die experimentelle wie umsetzungsorientierte Absicht deutlich. So wurde das räumliche Gefüge zwischen Dessau, Wörlitz, Bitterfeld und Wittenberg als Industrielles Gartenreich definiert. Die Überlagerung der Kulturlandschaften des historischen Gartenreichs und der Industrie wurde zur strategischen Konstruktion. Beide Aspekte verschmolz der 1993/94 produzierte Dokumentarfilm "das industrielle gartenreich" der Autoren Bolbrinker, Herold und Stutterheim. Dem folgten weitere Filme für die Fernsehsender ARD/MDR und arte.
Der Begriff Industrielles Gartenreich wurde in der Folgezeit auf mehreren Ebenen verankert bzw. reflektiert:
 

Kolonie Zschornewitz
  • urheberrechtlich, durch eine Markenschutzeintragung beim Patentamt
  • symbolisch, durch ein 'erzählendes' Logo mit den wesentlichen Elementen der vorhandenen und der zukünftigen Landschaft: den zwei Flüssen Elbe und Mulde, den vier Schornsteinen des Kraftwerks Vockerode - zugleich den vier Säulen des Schlossportikus von Wörlitz, der Baggerstadt Ferropolis
  • manifest, durch das Grundlagenbuch Industrielles Gartenreich, herausgegeben von der Stiftung Bauhaus Dessau, ex pose verlag, Berlin 1996
  • institutionell, durch die Anerkennung als Arbeitsgebiet des 1994 in eine Stiftung übergeleiteten Bauhaus Dessau
  • praktisch und politisch, durch die Anerkennung der Region Dessau-Bitterfeld-Wittenberg als Korrespondenzregion der EXPO 2000
  • praktisch, durch die umsetzungsorientierte Weiterführung von Projektideen und Ansätzen der Bauhausarbeit in der Region
  • überregional, durch die erfolgreiche Teilnahme am bundesweiten Wettbewerb "Regionen der Zukunft" des Bundesbauministeriums unter der Überschrift Industrielles Gartenreich auf der Grundlage einer regionalen Vereinbarung
  • international, durch Gäste aus verschiedenen Ländern (England, Italien, Spanien, Südkorea, USA), die zu Problemen der Regionalerneuerung unter sozial-kulturellen Maßgaben arbeiten
  • international, durch die Aufnahme in das Programm der UNESCO-Weltdekade für kulturelle Entwicklung und durch die Verleihung des Europäischen Preises für Stadt- und Regionalplanung für ein Teilprojekt des Industriellen Gartenreichs.
In der Braunkohle

Mit der Diskussion um eine Umwelt-EXPO in der Region ab 1991 rückte die Frage nach "postindustriellen Perspektiven" des Industriellen Gartenreichs immer stärker in den Vordergrund. Schließlich wurde in einem Vortrag von Gernot Böhme am Bauhaus Dessau (siehe Beitrag in diesem Buch) die Auseinandersetzung über die Grundsatzfragen der Gestaltung menschlicher Lebensumwelt anhand des Industriellen Gartenreichs aufgeworfen. Die weiterführende Debatte ist seitdem eröffnet - und zugleich können reale Bausteine, die das Konzept Industrielles Gartenreich lesbar machen, zwischen Dessau, Bitterfeld und Wittenberg erfahren werden.


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