Industrielles Gartenreich
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Die Wiederentdeckung

Ab Mitte der sechziger Jahre begann eine erneute Hinwendung zum Gartenreich. Einzelne propagierten wiederum die Kultur des Gartenreichs.
 
Dominostein, Mikado, Stelzen ? Das Spiel verdeutlicht den Maßstabssprung, die Absurdität der Dimension zwischen Mensch und Ort.

Sie leiteten eine praktische Reakti- vierung der baulichen und land- schaftlichen Hinterlassenschaften durch Rekonstruktions- und Pflegemaß- nahmen ein. Wesentlicher Zweck war die touristische Nutzung.
Zugleich spielte im Zusammenhang mit der Modernisierung der DDR in den sechziger Jahren die Aneignung derjenigen historischen Epochen, die als fortschrittlich klassifiziert wurden, als kulturelles Erbe der Deutschen Demokratischen Republik zunehmend eine Rolle. Eine ähnliche Motivation kann für die zur gleichen Zeit einsetzende Bauhausrezeption konstatiert werden.

Das Gartenreich, zumeist reduziert auf Wörlitz, erhielt den Status eines besonderen Ausflugszieles bzw. Erholungsortes. Dieser Status blieb, obwohl das Gartenreich seit den achtziger Jahren zugleich als Denkmal der Landschaftsgestaltung geführt wurde, in den Planwerken für die regionale Entwicklung bis 1998, also auch über das Ende der DDR hinweg, erhalten. 1998 wurde dann eine Teilraumkonzeption für das Gartenreich verabschiedet, die wieder kulturelle wie ökonomische Ziele in einem integrierten Planwerk verknüpfte.


Die Auswirkungen der Industrialisierung auf das Gartenreich wurden erstmals von Hirsch in den achtziger Jahren hervorgehoben: "Der heutige Besucher kann noch einen deutlichen Eindruck von der einstigen Gestaltung gewinnen, wenn es auch hier naturgemäß und gerade durch die Industrialisierung des Mittelelbe-Raumes Einbußen gegeben hat." (Hirsch 1987, 158) Diese Wahrnehmung industrieller Folgen reduzierte sich einseitig auf die zerstörerische Dimension der Industrie.
 

Bauhaus Dessau - Weltkulturerbe und Zukunftswerkstatt

Vernachlässigt wird, dass der Industrialisierung auch eine Utopie von Wohlstand und Emanzipation innewohnt, weshalb nicht nur eine Verlustrechnung angebracht ist. Konsequent folgt die industrielle Moderne dem von der Aufklärung gebahnten Weg. Doch mit der industriellen Überformung des Gartenreichs in diesem Jahrhundert kehrt sich die auf Befreiung des Menschen von kulturellen und natürlichen Fesseln gerichtete Industriemoderne gegen ihre Quellen. Mit zunehmendem Ressourcenverbrauch, wachsender Ineffizienz und dem Erreichen einer ökologischen Belastungsgrenze der Region beginnt gegen Ende dieses Jahrhunderts die Industrie selbst Geschichte zu werden. Die massiven Prozesse der Deindustrialisierung in den neunziger Jahren sind Ausdruck dieser neuen Entwicklung. Gartenreich und Industrie werden als historische Ablagerungen mit all ihren Widersprüchen zur Grundlage für die nunmehr erneut zu gestaltende Lebensumwelt.
 
Aufgabe ist es heute, Gartenreich und Industrialisierung als Ausdruck von historischen Prozessen der modernen Gesellschaft in einem Entwicklungszusammenhang zu sehen. Doch diese immensen Widersprüche als zusammengehörige Seiten des Prozesses der abendländischen Kulturentwicklung wiederum kulturell zu verarbeiten, ohne sie zu negieren, harrt noch der umfassenden theoretischen wie praktischen Aufarbeitung. Das Projekt Industrielles Gartenreich versteht sich als ein Baustein und Experiment auf diesem Weg.

1989
 

Ferropolis

Natürlich war das Datum des II. Internationalen Gropius-Seminars am Bauhaus Dessau 1989 ein Zufall. Das Zusammentreffen mit weltgeschichtlichen Ereignissen, also dem Fall der Mauer (9. November 1989), ist selbstredend nicht planbar. Dennoch scheint sich in der Terminsetzung eine gewisse Notwendigkeit widerzuspiegeln. Mit der Hinwendung des Bauhauses zum Thema Stadt hängt die beginnende Selbstreflexion und der Anspruch zusammen, wieder eine Institution des Eingriffs in den gesellschaftlichen Raum zu werden. Umbrüche deuteten sich schon vor 1989 an: 'Perestroika' in der Sowjetunion und in anderen Ostblockländern wurde zum Kennzeichen dafür. Das Bauhaus griff zur rechten Zeit ein zentrales Thema der Gesellschaft auf. Die Städte der DDR offenbarten Einblick in die Strukturen einer offenkundig verfehlten Politik.
"Die Stadt ist als relativ selbständiger gesellschaftlicher Organismus Abbild der Gesellschaft im Kleinen. Damit ist der Zustand unserer Städte auch Abbild der Zustände unserer Gesellschaft. ... Fragen der Identität, des kulturellen Erbes, des Erhaltens und des Bauens und Gestaltens stellen sich völlig neu in der Verantwortung der Städte, also ihrer Bürger. Darauf sind die Städte und vor allem ihre leitenden Organe nicht vorbereitet.
Wenn es aber so sein soll, dass die Städte bald ein Abbild einer erneuerten, einer besseren, einer demokratischen und kulturvollen sozialistischen Gesellschaft sind (und zunächst wohl ein Hoffnungsträger unumkehrbarer Erneuerung), dann muss dort jetzt unser Hauptaugenmerk liegen, dann brauchen wir alle Kraft mitzuarbeiten, hier einen neuen Zustand und ein neues Bild zu erreichen." (Kuhn 1989)

Die Vorstellung der DDR-Staatsführung, durch serielle Massenfertigung von Wohnungen das soziale Problem des Wohnens lösen zu wollen, hatte sowohl zum kulturellen und physischen Ruin von Städten als auch zur Überschreitung der volkswirtschaftlichen Belastbarkeit geführt. Die Visionen einer sozialistischen Stadt waren rücksichtslosem Pragmatismus und politischem Voluntarismus zum Opfer gefallen. Das Bauhaus Dessau stellte dieser Konfliktsituation für das II. Internationale Walter Gropius-Seminar 1989 die Aufgabe gegenüber, ein ganzheitliches Konzept für die zukünftige Stadt mit einer entsprechenden Industrie- und Umweltpolitik zu erarbeiten: "In der zu Ende gehenden 100jährigen Phase moderner Planung für die extensive Entwicklung (Stadtwachstum) und dem nunmehr beginnenden Übergang zur Intensivierung (Innenentwicklung) steht eine grundsätzliche Neubewertung und -orientierung der Planung für die Gesamtstadt und ihr Zentrum bevor." (Einladung zum Gropius-Seminar 1989)
 

Spaziergangsforscher

Für die exemplarische Bearbeitung übergreifender Stadtentwicklungsfragen fiel die Wahl auf Dessau. Nicht nur, weil sich das historische Bauhaus an seiner zweiten Wirkungsstätte nahezu ausschließlich mit Bauten für Dessau beschäftigt hatte, sondern auch, weil Dessau viele als typisch anzusehende Merkmale und Konflikte einer Industriestadt aufwies:

  • das kriegszerstörte Zentrum ist durch offene Bebauung mit Großblöcken identitätslos neu bebaut;
  • weit ausgreifende Randbebauung (vor allem Wohnungsbau in Großtafelbauweise);
  • innerstädtische Brachflächen;
  • Verfall von Wohngebieten aus der Vorkriegszeit;
  • großangelegte Verkehrsbauten;
  • Bevölkerungsabwanderung;
  • Wohnungsleerstände;
  • Umweltbelastung durch Verkehr und Industrie. (Vgl. Gaube, Stein, Sioda 1990, 16ff.)

In der Arbeitsstruktur des Gropius-Seminars war die Frage nach einer Gestaltungsidee der Stadt angelegt. Eine erste Gruppe arbeitete zu Konsequenzen für die Innenstadtentwicklung, die sich aus Strukturveränderungen in Wissenschaft und Technik sowie Produktions- und Arbeitsorganisation ergeben. Die zweite Gruppe untersuchte die Konsequenzen für die Innenstadtentwicklung, die sich aus den Zielen ökologischer Stadterneuerung sowie der Bewahrung und Nutzung landschaftlicher Vorteile der Stadt-Umlandregion ergeben. In der dritten Gruppe wurden Synthesen der in den ersten beiden Gruppen erarbeiteten Aussagen formuliert. Konsequenzen für die Innenstadtentwicklung, die sich aus den Anforderungen von Stadtkultur und Stadtöffentlichkeit ergeben, standen im Mittelpunkt.
 

Bahn-Aktionstage

Aus diesen Synthesen und der Akzentuierung einer primär kulturell argumentierenden Planung erwuchs die Idee des Industriellen Gartenreichs. Eine angepasste Industrie in der Stadt sollte als bestimmender Standortfaktor erhalten bleiben, um zugleich eine zerstörerische, flächige Reindustrialisierung abzuwehren. Dabei kam dem Bauhaus Dessau eine konzeptionelle Schlüsselrolle zu. Drei große kulturelle Projekte sollten in einem Zeitraum von zehn Jahren den Erneuerungsprozess vermitteln. Als erstes das Projekt "Bauhausstadt Dessau", das die internationale Bedeutung Dessaus wieder sichtbar werden lassen und gleichzeitig die besondere Rolle des Bauhauses beim Wiederaufbau der Stadt verdeutlichen sollte; zweitens das Projekt "Industriestadt Dessau"; drittens das Projekt "Gartenreich Dessau".

Aus heutiger Sicht schwingt eine Mischung aus kritischer Reflexion des speziellen Modernisierungsweges der DDR mit reformerischem Anspruch und eine auf die Wirkung neuer Technologien setzende Fortschrittshoffnung in dieser Aufgabenstellung mit. Eine Ambivalenz, die sich auch im theoretischen Ansatz findet.
 

Schloss Wörlitz

Der Versuch einer Erneuerung der Moderne fand in der DDR im "Funktionalismus-Konzept" seinen Niederschlag. An den Hochschulen in Weimar und Berlin/Ost waren dazu aus architektur- und designtheoretischer Sicht programmatische Ansätze formuliert worden, die seit 1987 im neu konstituierten Bauhaus rezipiert wurden: "Funktionalismus setzt eine flexible Produktion voraus. Die sozialkulturellen Anforderungen und die natürlichen und historischen Bedingungen individualisieren den lokalen Standort derart, dass ihnen kein universeller Standard entsprechen kann. Ist auch die nötige Varianzbreite von Bauaufgabe zu Bauaufgabe unterschiedlich, so ist doch die Unterordnung der Mittel unter die Zwecke ein so grundlegendes funktionalistisches Prinzip, dass die verfügbare Bautechnik zwar einen anerkannten Faktor für die Formgebung darstellt, doch bezüglich der konkreten Bedingungen variable Lösungen gestatten muß. Die 'klassische' Form der Industrialisierung, die standardisierte Massenproduktion auf der Ebene von großen Einheiten wie Blöcken und Segmenten, ist für die Stadt- und Siedlungsentwicklung mit weitreichenden Anforderungen an geographische, soziale, kulturelle und historische Differenzierungen untypisch und nur als historisch begrenzt eingesetzte Technologie zur Überwindung des Wohnungsdefizits zu verstehen. Im Interesse des flexiblen Typus und einer hohen Ökonomie der Massenproduktion setzt der Funktionalismus auf den technischen Fortschritt. Er strebt ökonomische Lösungen auf der Basis frei programmierbarer (EDV-gestützter) Fertigung an. Darüber hinaus besteht aber das Spezifische der baulichen Produktionsweise darin, alle technologischen Niveaus - von der einfachsten Handarbeit bis zur Computersteuerung - als mögliche Techniklösungen bereitzuhalten. Handwerkliche und hochtechnologische Lösungen treffen sich in der der Bauproduktion eigenen Flexibilität und der entsprechenden hohen Organisations- und Entscheidungsdichte, während serielle Produkte der reproduktiven Art Ausnahmen, Zwischenlösungen oder Größenordnungen unterhalb architektonischer Einheiten darstellen. Funktionalismus behandelt Elemente und Halbfertigteile als Erzeugnisse, doch Gebäude als originäre Orte." (Weber 1988, 67)
 

Kraftwerk

Der Versuch, Fehler der "historischen" Moderne zeitgemäß zu kompensieren, führte dicht an die in den westlichen Ländern geführten Modernisierungsdebatten der achtziger Jahre heran, die auf neue Technologien setzten. (Vgl. Leborgne, Lipietz 1990, 109f.) Zudem flossen in das Gropius-Seminar 1989 zwei Entwicklungstendenzen der westlichen Stadtplanungsdiskussion der siebziger und achtziger Jahre ein, die eine spätere Ausformung des Industriellen Gartenreichs als Konzept wie in der Praxis beeinflussten: und zwar zum einen die Orientierung auf die "marktgerechte Stadt", d.h. Stadt primär als Produkt und Standort für Investitionstätigkeit zu sehen - mit darauf orientiertem Marketing, und zum anderen die Orientierung an der kulturell und partizipativ angelegten Stadterneuerung, wie sie in verschiedenen Städten (Bologna, Rotterdam, Salzburg, Berlin/West u. a.) erfolgreich praktiziert wurde. (Vgl. Heinz 1990, 9f.; AG Stadterneuerung 1990; Bodenschatz 1998, 315)
Im Seminar zur Diskussion standen ein Programm der Kulturarbeit ebenso wie eine projektbezogene Planung als Abkehr von der "linearen Fortschreibung eines quantitativen Wachstumsprozesses der Industrie" hin zu einem Denken in "der gleichzeitigen Existenz prinzipiell verschiedenartiger Raum-Zeit-Systeme der Produktion" (Mertens 1989, Bemerkungen zum Ergebnis der Gruppe 1) als Beitrag zur innovativen Wirtschaftsförderung. Diskutiert wurde zugleich ein sozialer und ökologischer Imperativ, der die neuen demokratischen Selbstbestimmungskräfte der Stadt gegen eine 'Ellenbogengesellschaft' fördern und grundlegende ökologische Standards fixieren sollte. (Vgl. Böhme u. a. 1989, Ergebnisse Gruppe 2)
 

Die »Kraftwerksachse«

Doch ahnungsvoll - oder die eigenen Hoffnungen persiflierend - entstand auch ein Gegenszenario. Dieses verdeutlicht aus heutiger Sicht prägnant, welche Probleme sich in den Städten der DDR 1989 darstellten und welchen Weg Dessau und andere Orte gegangen wären. Titel des Gegenszenarios: "Was passiert, wenn nichts passiert?" Prognostiziert wurde:

  • &die weitere Abwanderung junger und leistungsfähiger Arbeitskräfte,
  • kaum neue Investitionen für wirtschaftliche Entwicklungsprojekte,
  • Verbleib in einem provinziellen Klima, in dem Innovation und Erneuerung nur schlecht gedeihen können,
  • wenig Ansätze für internationale Kontakte in Wirtschaft, Kultur und Politik,
  • beschleunigte Verschlechterung der nichtmateriellen Lebensbedingungen
  • und letztendlich Absinken der Stadt in die Bedeutungslosigkeit ..." (Schmidt 1989)
Piesteritz Damenhaus

Die Erinnerung an diese Prophezeihung schützt vor Verklärungen angesichts der Deindustrialisierung in den neunziger Jahren. Aus den anfänglichen Konzept-Umrissen kristallisierten sich 1990 sowohl eine operationalisierbare Konzeption für das Industrielle Gartenreich als auch für die Transformation des Bauhauses selbst heraus. Die "Vorläufigen Überlegungen zur kulturellen Stadterneuerung in Dessau" (Bodenschatz 1990) bildeten eine Anregung für das im Herbst des gleichen Jahres veröffentlichte Konzept (vgl. Projektbericht Industrielles Gartenreich 1990, 5f.). Dieses Konzept speiste sich auch aus den 1989/90 angebahnten kooperativen Kontakten zur Nachfolgeorganisation der IBA-Alt in Berlin/West und zur Internationalen Bauausstellung Emscher Park im Ruhrgebiet, zur Technischen Universität Berlin sowie zu europäischen Projekten regionaler Erneuerung, wie zum Beispiel in Glasgow/Schottland oder Schlesien/Polen.
Im Sommer 1990 zeichnete sich ab, was bis Mitte der neunziger Jahre radikal sichtbar wurde: Einerseits eine flächenhafte Stilllegung der überkommenen Industrien und andererseits eine, wenn auch quantitativ geringe, Neuansiedlung.
Zugleich wurde die gesamte ökologische Dramatik sichtbar, die mit den Feststellungen im Brundtland-Bericht von 1987 korrespondierte. Dessau-Bitterfeld, so lautete die Erkenntnis, ist prototypisch für ein globales Problem der Industriegesellschaft. Die Folgen der mehr als 100jährigen Industrialisierung sind Gegenstand neuer Konzepte - selbst bei vollständiger Deindustrialisierung bleibt die Industrie Bestandteil der zukünftigen Aufgaben einer ökonomischen, politischen wie kulturellen Auseinandersetzung.


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