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Die Auswirkungen der Industrialisierung auf das Gartenreich wurden
erstmals von Hirsch in den achtziger Jahren hervorgehoben: "Der heutige
Besucher kann noch einen deutlichen Eindruck von der einstigen Gestaltung
gewinnen, wenn es auch hier naturgemäß und gerade durch die Industrialisierung
des Mittelelbe-Raumes Einbußen gegeben hat." (Hirsch 1987, 158) Diese
Wahrnehmung industrieller Folgen reduzierte sich einseitig auf die zerstörerische
Dimension der Industrie.
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Vernachlässigt wird, dass der Industrialisierung auch eine Utopie von
Wohlstand und Emanzipation innewohnt, weshalb nicht nur eine Verlustrechnung
angebracht ist. Konsequent folgt die industrielle Moderne dem von der Aufklärung
gebahnten Weg. Doch mit der industriellen Überformung des Gartenreichs in diesem
Jahrhundert kehrt sich die auf Befreiung des Menschen von kulturellen und
natürlichen Fesseln gerichtete Industriemoderne gegen ihre Quellen.
Mit zunehmendem Ressourcenverbrauch, wachsender Ineffizienz und dem Erreichen
einer ökologischen Belastungsgrenze der Region beginnt gegen Ende dieses
Jahrhunderts die Industrie selbst Geschichte zu werden. Die massiven Prozesse
der Deindustrialisierung in den neunziger Jahren sind Ausdruck dieser neuen
Entwicklung. Gartenreich und Industrie werden als historische Ablagerungen
mit all ihren Widersprüchen zur Grundlage für die nunmehr erneut zu gestaltende Lebensumwelt.
Aufgabe ist es heute, Gartenreich und Industrialisierung als Ausdruck von
historischen Prozessen der modernen Gesellschaft in einem Entwicklungszusammenhang
zu sehen. Doch diese immensen Widersprüche als zusammengehörige Seiten des
Prozesses der abendländischen Kulturentwicklung wiederum kulturell zu
verarbeiten, ohne sie zu negieren, harrt noch der umfassenden theoretischen
wie praktischen Aufarbeitung. Das Projekt Industrielles Gartenreich versteht
sich als ein Baustein und Experiment auf diesem Weg.
1989
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Natürlich war das Datum des II. Internationalen Gropius-Seminars am
Bauhaus Dessau 1989 ein Zufall. Das Zusammentreffen mit weltgeschichtlichen
Ereignissen, also dem Fall der Mauer (9. November 1989), ist selbstredend
nicht planbar. Dennoch scheint sich in der Terminsetzung eine gewisse
Notwendigkeit widerzuspiegeln. Mit der Hinwendung des Bauhauses zum Thema
Stadt hängt die beginnende Selbstreflexion und der Anspruch zusammen,
wieder eine Institution des Eingriffs in den gesellschaftlichen Raum zu werden.
Umbrüche deuteten sich schon vor 1989 an: 'Perestroika' in der Sowjetunion
und in anderen Ostblockländern wurde zum Kennzeichen dafür. Das Bauhaus
griff zur rechten Zeit ein zentrales Thema der Gesellschaft auf. Die
Städte der DDR offenbarten Einblick in die Strukturen einer offenkundig verfehlten Politik.
"Die Stadt ist als relativ selbständiger gesellschaftlicher Organismus Abbild
der Gesellschaft im Kleinen. Damit ist der Zustand unserer Städte auch
Abbild der Zustände unserer Gesellschaft. ... Fragen der Identität, des
kulturellen Erbes, des Erhaltens und des Bauens und Gestaltens stellen
sich völlig neu in der Verantwortung der Städte, also ihrer Bürger.
Darauf sind die Städte und vor allem ihre leitenden Organe nicht vorbereitet.
Wenn es aber so sein soll, dass die Städte bald ein Abbild einer erneuerten,
einer besseren, einer demokratischen und kulturvollen sozialistischen
Gesellschaft sind (und zunächst wohl ein Hoffnungsträger unumkehrbarer
Erneuerung), dann muss dort jetzt unser Hauptaugenmerk liegen, dann
brauchen wir alle Kraft mitzuarbeiten, hier einen neuen Zustand und
ein neues Bild zu erreichen." (Kuhn 1989)
Die Vorstellung der DDR-Staatsführung, durch serielle Massenfertigung
von Wohnungen das soziale Problem des Wohnens lösen zu wollen, hatte
sowohl zum kulturellen und physischen Ruin von Städten als auch zur
Überschreitung der volkswirtschaftlichen Belastbarkeit geführt. Die
Visionen einer sozialistischen Stadt waren rücksichtslosem Pragmatismus
und politischem Voluntarismus zum Opfer gefallen. Das Bauhaus Dessau
stellte dieser Konfliktsituation für das II. Internationale Walter
Gropius-Seminar 1989 die Aufgabe gegenüber, ein ganzheitliches Konzept
für die zukünftige Stadt mit einer entsprechenden Industrie- und
Umweltpolitik zu erarbeiten: "In der zu Ende gehenden 100jährigen Phase
moderner Planung für die extensive Entwicklung (Stadtwachstum) und dem
nunmehr beginnenden Übergang zur Intensivierung (Innenentwicklung) steht
eine grundsätzliche Neubewertung und -orientierung der Planung für die
Gesamtstadt und ihr Zentrum bevor." (Einladung zum Gropius-Seminar 1989)
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Für die exemplarische Bearbeitung übergreifender Stadtentwicklungsfragen
fiel die Wahl auf Dessau. Nicht nur, weil sich das historische Bauhaus an
seiner zweiten Wirkungsstätte nahezu ausschließlich mit Bauten für Dessau
beschäftigt hatte, sondern auch, weil Dessau viele als typisch anzusehende
Merkmale und Konflikte einer Industriestadt aufwies:
- das kriegszerstörte Zentrum ist durch offene Bebauung mit Großblöcken identitätslos neu bebaut;
- weit ausgreifende Randbebauung (vor allem Wohnungsbau in Großtafelbauweise);
- innerstädtische Brachflächen;
- Verfall von Wohngebieten aus der Vorkriegszeit;
- großangelegte Verkehrsbauten;
- Bevölkerungsabwanderung;
- Wohnungsleerstände;
- Umweltbelastung durch Verkehr und Industrie. (Vgl. Gaube, Stein, Sioda 1990, 16ff.)
In der Arbeitsstruktur des Gropius-Seminars war die Frage nach einer
Gestaltungsidee der Stadt angelegt. Eine erste Gruppe arbeitete zu Konsequenzen
für die Innenstadtentwicklung, die sich aus Strukturveränderungen in
Wissenschaft und Technik sowie Produktions- und Arbeitsorganisation ergeben.
Die zweite Gruppe untersuchte die Konsequenzen für die Innenstadtentwicklung,
die sich aus den Zielen ökologischer Stadterneuerung sowie der Bewahrung
und Nutzung landschaftlicher Vorteile der Stadt-Umlandregion ergeben.
In der dritten Gruppe wurden Synthesen der in den ersten beiden Gruppen
erarbeiteten Aussagen formuliert. Konsequenzen für die Innenstadtentwicklung,
die sich aus den Anforderungen von Stadtkultur und Stadtöffentlichkeit
ergeben, standen im Mittelpunkt.
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Aus diesen Synthesen und der Akzentuierung einer primär kulturell
argumentierenden Planung erwuchs die Idee des Industriellen Gartenreichs.
Eine angepasste Industrie in der Stadt sollte als bestimmender Standortfaktor
erhalten bleiben, um zugleich eine zerstörerische, flächige Reindustrialisierung
abzuwehren. Dabei kam dem Bauhaus Dessau eine konzeptionelle Schlüsselrolle zu.
Drei große kulturelle Projekte sollten in einem Zeitraum von zehn Jahren den
Erneuerungsprozess vermitteln. Als erstes das Projekt "Bauhausstadt Dessau",
das die internationale Bedeutung Dessaus wieder sichtbar werden lassen und
gleichzeitig die besondere Rolle des Bauhauses beim Wiederaufbau der Stadt
verdeutlichen sollte; zweitens das Projekt "Industriestadt Dessau";
drittens das Projekt "Gartenreich Dessau".
Aus heutiger Sicht schwingt eine Mischung aus kritischer Reflexion des
speziellen Modernisierungsweges der DDR mit reformerischem Anspruch und eine
auf die Wirkung neuer Technologien setzende Fortschrittshoffnung in dieser
Aufgabenstellung mit. Eine Ambivalenz, die sich auch im theoretischen Ansatz
findet.
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Der Versuch einer Erneuerung der Moderne fand in der DDR im
"Funktionalismus-Konzept" seinen Niederschlag. An den Hochschulen in Weimar
und Berlin/Ost waren dazu aus architektur- und designtheoretischer Sicht
programmatische Ansätze formuliert worden, die seit 1987 im neu konstituierten
Bauhaus rezipiert wurden: "Funktionalismus setzt eine flexible Produktion voraus.
Die sozialkulturellen Anforderungen und die natürlichen und historischen
Bedingungen individualisieren den lokalen Standort derart, dass ihnen kein
universeller Standard entsprechen kann. Ist auch die nötige Varianzbreite
von Bauaufgabe zu Bauaufgabe unterschiedlich, so ist doch die Unterordnung
der Mittel unter die Zwecke ein so grundlegendes funktionalistisches Prinzip,
dass die verfügbare Bautechnik zwar einen anerkannten Faktor für die Formgebung
darstellt, doch bezüglich der konkreten Bedingungen variable Lösungen gestatten muß.
Die 'klassische' Form der Industrialisierung, die standardisierte Massenproduktion
auf der Ebene von großen Einheiten wie Blöcken und Segmenten, ist für die Stadt-
und Siedlungsentwicklung mit weitreichenden Anforderungen an geographische,
soziale, kulturelle und historische Differenzierungen untypisch und nur als
historisch begrenzt eingesetzte Technologie zur Überwindung des Wohnungsdefizits
zu verstehen. Im Interesse des flexiblen Typus und einer hohen Ökonomie der
Massenproduktion setzt der Funktionalismus auf den technischen Fortschritt.
Er strebt ökonomische Lösungen auf der Basis frei programmierbarer (EDV-gestützter)
Fertigung an. Darüber hinaus besteht aber das Spezifische der baulichen
Produktionsweise darin, alle technologischen Niveaus - von der einfachsten
Handarbeit bis zur Computersteuerung - als mögliche Techniklösungen bereitzuhalten.
Handwerkliche und hochtechnologische Lösungen treffen sich in der der
Bauproduktion eigenen Flexibilität und der entsprechenden hohen Organisations-
und Entscheidungsdichte, während serielle Produkte der reproduktiven Art Ausnahmen,
Zwischenlösungen oder Größenordnungen unterhalb architektonischer Einheiten darstellen.
Funktionalismus behandelt Elemente und Halbfertigteile als Erzeugnisse,
doch Gebäude als originäre Orte." (Weber 1988, 67)
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Der Versuch, Fehler der "historischen" Moderne zeitgemäß zu kompensieren,
führte dicht an die in den westlichen Ländern geführten Modernisierungsdebatten
der achtziger Jahre heran, die auf neue Technologien setzten.
(Vgl. Leborgne, Lipietz 1990, 109f.) Zudem flossen in das Gropius-Seminar
1989 zwei Entwicklungstendenzen der westlichen Stadtplanungsdiskussion
der siebziger und achtziger Jahre ein, die eine spätere Ausformung des
Industriellen Gartenreichs als Konzept wie in der Praxis beeinflussten:
und zwar zum einen die Orientierung auf die "marktgerechte Stadt",
d.h. Stadt primär als Produkt und Standort für Investitionstätigkeit
zu sehen - mit darauf orientiertem Marketing, und zum anderen die
Orientierung an der kulturell und partizipativ angelegten Stadterneuerung,
wie sie in verschiedenen Städten (Bologna, Rotterdam, Salzburg, Berlin/West u. a.)
erfolgreich praktiziert wurde.
(Vgl. Heinz 1990, 9f.; AG Stadterneuerung 1990; Bodenschatz 1998, 315)
Im Seminar zur Diskussion standen ein Programm der Kulturarbeit ebenso
wie eine projektbezogene Planung als Abkehr von der "linearen Fortschreibung
eines quantitativen Wachstumsprozesses der Industrie" hin zu einem Denken
in "der gleichzeitigen Existenz prinzipiell verschiedenartiger Raum-Zeit-Systeme
der Produktion" (Mertens 1989, Bemerkungen zum Ergebnis der Gruppe 1)
als Beitrag zur innovativen Wirtschaftsförderung. Diskutiert wurde zugleich
ein sozialer und ökologischer Imperativ, der die neuen demokratischen
Selbstbestimmungskräfte der Stadt gegen eine 'Ellenbogengesellschaft'
fördern und grundlegende ökologische Standards fixieren sollte.
(Vgl. Böhme u. a. 1989, Ergebnisse Gruppe 2)
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Doch ahnungsvoll - oder die eigenen Hoffnungen persiflierend -
entstand auch ein Gegenszenario. Dieses verdeutlicht aus heutiger Sicht prägnant,
welche Probleme sich in den Städten der DDR 1989 darstellten und welchen
Weg Dessau und andere Orte gegangen wären. Titel des Gegenszenarios:
"Was passiert, wenn nichts passiert?" Prognostiziert wurde:
- &die weitere Abwanderung junger und leistungsfähiger Arbeitskräfte,
- kaum neue Investitionen für wirtschaftliche Entwicklungsprojekte,
- Verbleib in einem provinziellen Klima, in dem Innovation und Erneuerung nur schlecht gedeihen können,
- wenig Ansätze für internationale Kontakte in Wirtschaft, Kultur und Politik,
- beschleunigte Verschlechterung der nichtmateriellen Lebensbedingungen
- und letztendlich Absinken der Stadt in die Bedeutungslosigkeit ..." (Schmidt 1989)
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Die Erinnerung an diese Prophezeihung schützt vor Verklärungen angesichts
der Deindustrialisierung in den neunziger Jahren. Aus den anfänglichen
Konzept-Umrissen kristallisierten sich 1990 sowohl eine operationalisierbare
Konzeption für das Industrielle Gartenreich als auch für die Transformation
des Bauhauses selbst heraus. Die "Vorläufigen Überlegungen zur kulturellen
Stadterneuerung in Dessau" (Bodenschatz 1990) bildeten eine Anregung für
das im Herbst des gleichen Jahres veröffentlichte Konzept (vgl. Projektbericht
Industrielles Gartenreich 1990, 5f.). Dieses Konzept speiste sich auch
aus den 1989/90 angebahnten kooperativen Kontakten zur Nachfolgeorganisation
der IBA-Alt in Berlin/West und zur Internationalen Bauausstellung Emscher
Park im Ruhrgebiet, zur Technischen Universität Berlin sowie zu europäischen
Projekten regionaler Erneuerung, wie zum Beispiel in Glasgow/Schottland
oder Schlesien/Polen.
Im Sommer 1990 zeichnete sich ab, was bis Mitte der neunziger Jahre radikal
sichtbar wurde: Einerseits eine flächenhafte Stilllegung der überkommenen
Industrien und andererseits eine, wenn auch quantitativ geringe, Neuansiedlung.
Zugleich wurde die gesamte ökologische Dramatik sichtbar, die mit den
Feststellungen im Brundtland-Bericht von 1987 korrespondierte.
Dessau-Bitterfeld, so lautete die Erkenntnis, ist prototypisch für ein
globales Problem der Industriegesellschaft. Die Folgen der mehr als
100jährigen Industrialisierung sind Gegenstand neuer Konzepte - selbst
bei vollständiger Deindustrialisierung bleibt die Industrie Bestandteil
der zukünftigen Aufgaben einer ökonomischen, politischen wie kulturellen
Auseinandersetzung.
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