Industrielles Gartenreich
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Harald Kegler
Karriere eines Begriffes

1999: Das Industrielle Gartenreich ist als Begriff wie als Konzeption etabliert. In den Konturen einer gebauten Vision ist es - zehn Jahre nach dem Entstehen der Idee - zugleich real sichtbar.
 
Ehemalige Gewächshäuser in Vockerode

Aus dem Begriff Industrielles Gartenreich von 1989 wurde ein Konzept, das den historischen Zusammenhang, die zweihundertjährige Entwicklung der modernen Gesellschaft und die programmatischen Herausforderungen für die zukünftige Umweltgestaltung miteinander verbindet

Das Dessau-Wörlitzer Gartenreich:
Sichtbare Aufklärung

Die Bezeichnung des Fürstentums Anhalt (seit 1807 Herzogtum Anhalt) als "Gartenreich" geht auf zeitgenössische Beschreibungen der Chronisten Carl August Boettiger und August von Rode zurück. Sie lobten die landschaftskulti-

vierenden Leistungen im Fürstentum Anhalt: das ganze Land sei ein Garten. (Vgl. Hirsch 1987, 150)
Das historische Gartenreich entstand zwischen 1765 und 1817, also in einem Zeitraum von ca. 50 Jahren. Die Endphase dieses Prozesses ist zugleich Auftakt der sich ankündigenden industriell-kapitalistischen Entwicklung der Gesellschaft.

Das Dessau-Wörlitzer Gartenreich ist die erste große Landesverschönerung auf dem europäischen Festland, die nach dem Muster der in England gesehenen 'Ornamented Farm' die Kultivierung eines ganzen Landes zum Ziele hatte.


Den historischen Hintergrund bildet das in Kleinstaaterei und wirtschaftliche Rückständigkeit zersplitterte Deutschland, das sich durch die Kämpfe des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) in einer tiefen Krise befand. Während in England bereits seit der Revolution von 1640 bürgerliche Kräfte dem Feudaladel die Macht entzogen hatten, verharrten in den deutschen Ländern die restaurativen Kräfte des Feudalabsolutismus in ihren Machtpositionen.
Fürst Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817) hatte andere Pläne. Sofort nach dem Ende des Siebenjährigen Krieges begann er - geleitet von den humanistischen Idealen der Aufklärungsphilosophie - ein weitgefächertes Reformprogamm, das vor allem auf eine Erneuerung der ökonomischen Verhältnisse zielte und von kulturellen und pädagogischen Reformen begleitet wurde.
 

Piesteritz 2000

Erhard Hirsch bezeichnet das Gartenreich als "Kulmination der Dessauer Aufklärung": "Der Dessau-Wörlitzer Kulturkreis erreichte seinen ersten Höhepunkt im Philanthropismus, der zusammen mit der Wiedererweckung des Sports als schulische Angelegenheit von Dessau in alle Welt ausging. Er kulminiert erneut in der Schaffung des 'Gartenreichs', wie die Zeitgenossen das Land Anhalt-Dessau apostrophierten. Dadurch wurde nicht nur die bewunderte 'schöne, durch Kunst verherrlichte Gegend in einem wohladministrierten und zugleich äußerlich geschmückten Lande' (Goethe) geschaffen, sondern - es wird sich noch vielmals wiederholen: Diese Landeskultur diente unter einem humanen Regiment zugleich auch wieder der Pädagogik, einer Volksbildung im weitesten Sinne.
Mit ihrer Neigung zu Symbolik und Allegorisierung ist die Gartenkunst des Barocks und, in gesteigertem Maße, die des Rokoko schon vielfach lehrhaft. Aber nicht daran knüpft die Dessauer Landschaftsgestaltung an. Nach ihrem Wahlspruch 'das Nützliche mit dem Schönen' kam sie den utilitaristischen Zielstellungen der Aufklärungsphilosophie nahe. ... Auf diese Weise ließ Dessau die bürgerliche Kultur erstmalig und überzeugend Gestalt werden und propagierte so aufgeklärtes Denken im eigenen Lande wie unter den zahlreichen empfänglichen Besuchern, die es von hier durch ganz Europa verbreiteten. Und diese Besucher können sich in ihren enthusiastischen Äußerungen nicht genug tun. Hatten doch hier ihre Illusionen von einem möglichen Reich der Vernunft deutlich sichtbare Erfüllung gefunden. Franz Volkmar Reinhardt sprach vom 'Schauplatz für vernünftige Menschen'. ...Nur so, in dieser Gesamtsicht, ist die in unseren Augen allzu enthusiastische Begeisterung der Zeitgenossen für das Dessauer Gartenreich überhaupt zu begreifen." (Hirsch 1987)
 

Arche - Transitorischer Garten im Tagebau

Die Reformversuche des absolutistischen Regenten Fürst Leopold Friedrich Franz von Anhalt-Dessau (1740-1817) trugen Früchte im Sinne der Aufklärung - ein Wetterleuchten inmitten einer ansonsten dumpfen Feudalgesellschaft in deutschen Landen. Die Leidenschaft für England, für die bürgerliche Kultur, die Gartenkunst, aber auch für Ökonomie und Technik hatte das ambitionierte Reformwerk des Fürsten geprägt. Es war eine Reform von oben, getragen vom aufgeklärten Absolutismus und auf einer physiokratischen Ökonomie basierend, die von den Vorgängern des Fürsten Franz betrieben wurde. Sein Reformwerk hob sich besonders in kultureller Ausprägung schillernd ab vom übrigen Umfeld, vom Nachbarn Preußen und von anderen deutschen Kleinstaaten. Zahlreiche Reisende suchten begierig dieses Experiment einer aufgeklärten Welt im Kleinen auf. Sie trugen die Kunde vom malerischen Gartenreich weiter. So urteilte 1805 einer der beredtesten Reisenden jener Zeit, der Leipziger Adolf Müller, über das sichtbar gewordene Gartenreich: "Keine Idee von der erbärmlichen Armut und Trägheit des Volkes; hinreichende Gelegenheit zur Kunstbildung in den schönen Gartenanlagen, Werke aller Art Baukunst ... das vortreffliche Theater, Sorge für Musik, mäßiger Reichtum und industriöse Tätigkeit ... ." (Zit. n. Hirsch 1965, 21) In großer Zahl erschienen überschwängliche Berichte über das Musterland am Mittellauf der Elbe, über ein fleißiges Werk, das die gesamte Gesellschaft des Fürstentums umfaßte: industria (lat.) = Fleiß.
 

»Schön finde ich meinen Garten, weil er einen Ort feiert, der demnächst verlorengeht.«

Andreas R. Riem, Aufklärer und Sympathisant der Französischen Revolution, hob das Werk im Lande Anhalt-Dessau 1796 emphatisch hervor. Er gab zugleich einen Ausblick auf die Vorbildwirkung des im Gartenreich Entstehenden: "Das ganze Land ist ein Garten Gottes und die Gegend um Dessau ein wahres Paradies. ... das Ganze ein Meisterwerk einer glühenden Einbildungskraft. ... Sobald man in diese Stadt [Dessau] kommt, sieht man allenthalben Industrie, Kunstfleiß, Handel und jeden sichtbaren Zweig einer guten Staatswirtschaft ..." (Zit. n. Hirsch 1987, 229)
Die zeitgenössische Verwendung des Begriffes "Industrie" kann natürlich nur als Vorläufer heutigen Sprachgebrauchs gelten. Im Attribut "industriös" drückt sich die Wertschätzung aller reformerischen Leistungen in Anhalt aus. Industriöse Tätigkeit gilt als wesentlicher Bestandteil der "durch Kunst verherrlichten Gegend" (Hirsch 1987, 158). So erschien die industrielle Entwicklung den Zeitgenossen als folgerichtige Fortsetzung der Gestaltungs-, Bildungs-, Wirtschafts- und Staatsreformen im Fürstentum Anhalt.
 

»Nach uns die Sintflut«

Zeichen des "proto-industriellen", des kapitalistischen Zeitalters (vgl. Mendels 1972, 241f.) ließen sich im Anhalt des ausgehenden 18. und beginnenden 19.Jahrhunderts vor allem dank der engen Bezüge zu England ausmachen. Hatte doch Fürst Franz von seinen Reisen nach England viele Ideen und wirtschaftliche Neuerungen mitgebracht, so neue landwirtschaftliche Methoden sowie künstlerische und architektonische Impulse. Darunter waren auch Ansätze einer industriell geprägten Wirtschaftsweise, künstlerisch geformt und politisch insistiert.
Doch noch gab es im Fürstentum Anhalt keine Industrialisierung, wie sie in England zur gleichen Zeit bereits sichtbar war. Der Schwerpunkt der Ökonomie lag weiterhin auf der Landwirtschaft. Im Gartenreich führte der Fürst neueste englische Bewirtschaftungsmethoden ein und revolutionierte z.B. durch die Abschaffung der Dreifelderwirtschaft das gesamte mittelalterliche System der Landbewirtschaftung. Anhalt galt im 18.Jahrhundert auf dem Kontinent als Muster für moderne Landwirtschaft. Das Fürstentum wurde zum Bildungsort von höchstem Rang: "Landwirte aus ganz Europa waren hier jahrelange Hospitanten!" (Hirsch 1987, 83) In der Anwendung neuer Methoden und Technologien (Düngung, Kleeanbau, Viehwirtschaft etc.) waren deutliche Vorboten der sich im 19.Jahrhundert allmählich durchsetzenden industrialisierten Landwirtschaft (Kunstdünger, Pflanzenzucht, Mechanisierung z. B. durch Dampfpflüge) erkennbar. (Vgl. Breymeyer 1998, 286f.)
Mit Anhalt wurden aber nicht nur landwirtschaftliche Reformen, sondern auch Hoffnungen auf einen Übergang zur bürgerlichen Gesellschaft in Verbindung gebracht. Goethe pries das Gartenreich als eine Entwicklung, die im radikalen Gegensatz zur militaristisch geprägten, konservativen Feudalgesellschaft stehe.
 

»Holzfluß«

Im Spätwerk des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau gibt es dann ein deutliches Zeichen, das von kommenden Zeiten kündete. Die verkleinerte Nachbildung der gusseisernen Ironbridge im Coalbrookdale, Mittelengland, der weltweit ersten Eisenbrückenkonstruktion, symbolisiert im letzten, dem östlichen Entwicklungsabschnitt der Wörlitzer Anlagen den Übergang in ein neues Zeitalter.
 
Um 1800 zeichnete sich für den Besucher des Gartenreichs ein kontinuierlicher Entwicklungsprozess ab. Dieser war durch "industriösen Fleiß" wie durch kulturelle Feinsinnigkeit gekennzeichnet. Doch obwohl sich das Reformwerk des Fürsten als Reaktion auf die Feudalverhältnisse und die sozialen und ökonomischen Krisen des 18.Jahrhunderts verstand, blieb es ambivalent. Einerseits zukunftsweisend als ganzheitliches Entwicklungsmodell, als Gesamtkunstwerk, und andererseits restaurativ in absolutistischen Bedingungen gefangen.
Letztlich hing die Blüte des Gartenreichs zu sehr an seinen Protagonisten, am Fürsten und an seinen kongenialen Partnern. Nach dem Tod des Architekten und Schöpfers der Bauten im Gartenreich, Friedrich Wilhelm von Erdmannsdorff, im Jahre 1800 und dem Tod des Fürsten Franz im Jahre 1817 fehlten die treibenden Kräfte der Reformen. Ein Abbruch der Entwicklung des Gartenreichs war die Folge. Es standen keine neuen Kräfte parat, die das Konzept hätten weiterführen, d.h. in eine neue Ära überleiten können. Das Gartenreich erstarrte.
 


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