Die Komplexität der Probleme,
vor allem der ökologischen, und das Ausmaß der gestalterischen
Herausforderungen, die diese weiträumige Stillegung eines
Industriezweiges mit sich brachten, ließen die
Bergbaufolgelandschaften, zunächst als ”Wunden” wahrgenommen, zu
einem Arbeitsfeld des Bauhauses werden. Ein mit der
Architektenkammer Hessen für Januar 1991 geplantes Entwurfsseminar
zu einem eher gewöhnlichen Thema (Gestaltung von Gewerbegebieten)
wurde auf Grund der aktuell gewordenen Probleme auf die
Bergbaufolgelandschaft bei Bitterfeld umorientiert. Damit begann
sich dieser Themenschwerpunkt am Bauhaus zu etablieren. Der
eigentliche Ort für das spätere Ferropolis wurde im Laufe des Jahres
1991 bei einer der zahlreichen Exkursionen eher zufällig entdeckt.
Im Herbst 1991 begann dann die systematische Arbeit an dem Vorhaben.
Mit dem Gespräch am 22. Oktober 1991 zwischen Vertretern des
Bauhauses und leitenden Ingenieuren der Bergbaugesellschaft wurde
die Kooperationsbasis geschaffen. Der Anfang war gemacht, aber noch
lange kein sichtbares Umsetzen einer Idee. 1992 entstanden die
wichtigsten Grundlagen für die spätere ”Stadt aus Eisen”.
Bauhaus Dessau, Architekturmuseum Frankfurt/Main und die
Architektenkammer Hessen veranstalteten im April in Dessau und
Bitterfeld eine Werkstattwoche zu Bergbaubrachen: ”Probleme,
Chancen, Visionen - Goitsche und Industrielles Gartenreich”. Erste
Gesamtpläne des Industriellen Gartenreiches und Gestaltungsideen für
den Tagebau Goitsche bei Bitterfeld entstanden, so auch die Idee für
ein Bergbaumuseum (”erstes Braunkohlebaggermuseum der Welt” – mit
”EXPO-Würdigkeit”).
Zur gleichen Zeit vergab das Bauhaus, in Zusammenarbeit mit der
Fachhochschule Koblenz eine Diplomarbeit für ein Baggermuseum
”Ferropolis” im Tagebau Golpa-Nord. Am 16. Juni 1992 präsentierte
der Student Martin Brück die Entwürfe. Nun begann Kulturarbeit –
Ausstellungen, Vorträge, Exkursionen, Gesprächsrunden, Workshops,
Feste...
Im Jahr 1994 erfolgte auf Antrag des Bauhauses die
Unterschutzstellung als Denkmal der Industriegeschichte. 1994 wurde
der Durchbruch erreicht: Die benachbarte Stadt Gräfenhainichen
beantragte Übertragung der Grundstücke von der Treuhand-Anstalt.
Doch die Zeit drängte. Die vorgegebenen Sanierungspläne sahen immer
noch die Verschrottung der Bagger vor. ”Wenn kein Projektträger die
Geräte übernimmt, kommt der Derrick, der Demontagekran”, lautete die
permanente Drohung der Sanierungsgesellschaft, die alle Beteiligten
vorantrieb.
Es gab natürlich in dieser ersten Periode der Projektentwicklung
zahlreiche Kritiker des Vorhabens. Die Argumente reichten dabei von
„Spinnerei“ bis zu ernstzunehmender Skepsis, die sich aus
finanziellen Risiken speiste. Sowohl Vertreter der Gemeinde
Gräfenhainichen als auch Mitarbeiter der LMBV zählten zu den
wichtigsten Skeptikern, die jedoch im Zuge der schrittweisen
Erfolge, die erreicht wurden, in ihrer Kritik verhaltener wurden.
Besonders hervorzuheben seien einige Stadträte (z. B. Herr Rußbült)
und der Landrat, Herr Dr. Littke, die stets das Projekt verteidigten
und vorantrieben. Ohne diesen politischen Rückhalt wäre es
schwieriger gewesen, das Projekt in der gegeben Zeit zu entwickeln.
Die Entscheidung
Am 30. Juni 1994 fiel für Ferropolis die Entscheidung über „JA oder
NEIN“: Prof. Karl Ganser (Direktor der Internationalen
Bauausstellung IBA Emscher Park im Ruhrgebiet) organisierte
gemeinsam mit dem Bauhaus Dessau einen Ortstermin in Golpa-Nord und
ein Gespräch zu Ferropolis sowie zur Gestaltung der
Tagebaulandschaft mit den Entscheidungsträgern: Dr. Schucht
(Treuhandanstalt), Dr. Schröder (Braunkohle-Sanierungsbüro), Prof.
Dr. Bilkenroth und Dr. Tropp (Bergbaugesellschaft), Dr. Zichel
(Sanierungsgesellschaft), Prof. Dr. Kuhn, Dr. Kegler, Martin Brück
und Rainer Weisbach (Stiftung Bauhaus Dessau). Die Fortsetzung der
Gespräche erfolgt im Wörlitzer Park. Das Ergebnis: ”Die Vögel sollen
stehen bleiben”. So wurde quasi „per Handschlag“ die
Grundsatzentscheidung für den Aufbau von Ferropolis getroffen.
Nun begann die unmittelbare Vorbereitungsarbeit, Kostenkalkulation
und Einpassung in die Abschlussbetriebsplanung für die
Tagebausanierung. Es wurde ein Summe von knapp 6 Mio. DM ermittelt,
die für den Aufbau von Ferropolis, d. h. für Vorbereitung des
Geländes, für das Aufstellen der Großgeräte, deren technische
Sicherung und die Herstellung elementarer Voraussetzungen einer
Erreichbarkeit, wie Gleisanschluss u. ä. notwendig waren. Dieser
Kostenrahmen – die Umwidmung von Abrissgeldern in Erhaltungsgelder -
wurde bestätigt und zum „eisernen Gesetz“ erklärt – er wurde absolut
eingehalten. Für den touristischen Ausbau des Areals kamen (in den
Folgejahren) in zwei Paketen jeweils noch einmal so viele Gelder vom
Land Sachsen-Anhalt und von der Europäischen Union dazu. Eine zuvor
durch den Verein Industrielles Gartenreich e.V. vorgelegte
technisch-ökonomische Machbarkeitsstudie (erarbeitet vom
Ingenieurbüro CUI) half letzte Zweifel am Projekt auszuräumen.
1995 wurde der Aufbau von Ferropolis eingeleitet, bewerkstelligt von
der Bergbaugesellschaft (MBV), der Sanierungsgesellschaft und in
Kooperation mit dem Bauhaus Dessau. Anlässlich der vom Bauhaus
initiierten Aktionstage am 16. und 17. September 1995 auf dem
Gelände der Tagesanlagen, dem zukünftigen Ferropolis-Ort, begann die
erste öffentliche Inbesitznahme:
Schienenfahrzeugausstellung, Selbstfahrbetrieb, Fotofahrten mit der
Bahn in den Tagebau, geführten Spaziergängen durch den Tagebau;
erstmalig fährt ein Zug vom Wörlitzer Bahnhof in Dessau zu den
Tagesanlagen nach Golpa-Nord. Baggerführungen, Vorträgen,
Videovorführungen, Gerhard Grundermann singt.. Als Ehrengast fuhr am
17. September die Umweltministerin des Landes Sachsen-Anhalt, Frau
Heidecke, den Absetzer 1022 die ersten Meter in Richtung
Tagesanlagen – der Aufbau von Ferrpolis war eingeleitet. An beiden
Tagen kamen etwa 3000 Besucher.
Der Weg ab 1995 in Stichworten:
1995
10.11. regulärer Transportbeginn des Absetzers 1025 zum zukünftigen
„Ferropolis“
20.11. der Schaufelradbagger erreicht künftigen Standort
22.11. die Eimerkettenbagger und Absetzer nehmen die letzte Auffahrt
14.12. vier der fünf Großgeräte stehen auf dem Gelände der
Tagesanlagen –
die ”Stadtgründung” wird vom Wirtschaftsminister Sachsen-Anhalt vor-
genommen (Stadtschild wird enthüllt)
15.12. Festakt – 80 Jahre Kraftwerk Zschornewitz.
Alle Teilnehmer dankten am Rande dieser Veranstaltung Herrn Streiber
von der Bergbaugesellschaft, dass er mit der Aussicht ”der Derrick
kommt”, das Projekt Ferropolis vorangetrieben habe. Anderthalb Jahre
später wird der Derrick verschrottet – vor dem Richtfest von
Ferropolis.
1996
Planungsarbeiten: Konzept für eine Arena mit 25.000 Besuchern –
Erweiterung der ursprünglichen Ausbauplanung von 10.000 Besuchern im
Zusammenhang mit der EXPO-Planung
(Entwurf J. Park)
10.12. Unterzeichnung der Projektvereinbarung als EXPO-Projekt (EXPO
GmbH, LMBV, Bauhaus Dessau, Stadt Gräfenhaichen)
1997
April: der ”Derrik” wird verschrottet
23.4. Verleihung des Freiherr von Stein-Preises der
Alfred-Toepfer-Stiftung
an M. Brück und R. Weisbach, Stiftung Bauhaus Dessau, für die
Projektidee Ferropolis
14.7. Kreistag Wittenberg beschließt Beteiligung an Ferropolis GmbH
(Hauptgesellschafter 44 %)
Eintragung der ”Ferropolis GmbH” am 17.9. beim Notar
Gesellschafter:
- Landkreis Wittenberg
- Stadt Gräfenhainichen
- EXPO 2000 Sachsen-Anhalt GmbH
- Bergbau- und Erlebnisbahnverein ”Ferropolis”
- Martin Brück
- Stiftung Bauhaus Dessau
20. August: Besuch einer Delegation der IBA-Emscher Park mit dem
historischen ”Rheingold”-Express in Ferropolis
August: Erste Fotoausstellung über Ferropolis (”Gruppe Foto K”,
Frankfurt/M.) in Station XII, der zukünftigen Museums-Galerie von
Ferropolis
18.9. Namensgebung für die Sekundarschule III, Gräfenhainichen als
”Ferropolis-Schule”
18.9. Richtfest Ferropolis
1998
April: Kunstpreis der Dresdener Bank ”Ars lipsensis” für Absolventin
der HGB Leipzig, A. Reineck,
für die Kunst-Skulptur ”Ferropolis”
Gründung des Aufsichtsrates ”Ferropolis”
Juli-August: Kunstprojekt in Ferropolis: Gemälde/Bildhauerarbeit von
Studenten der
HdK Berlin, die mehrere Wochen in Ferropolis leben
ab Juni: regelmäßige Grubenspaziergänge der agentur reisewerk im
Verein Industrielles
Gartenreich e.V.
10.12. Verkauf der ”Halbinsel Ferropolis” durch die LMBV an die
Ferropolis GmbH
Bauarbeiten/Planungen werden weitergeführt (im Auftrage der EXPO: I.
Ritchie, J. Park, Büro Kiefer, B-Plan-Entwurf durch Büro für Urbane
Projekte, Leipzig)
1999
Fertigstellung des Bahnanschlusses
Aufnahme regulärer Besuchsmöglichkeiten des Geländes
Oktober: offizieller Beginn der Flutung des Tagebaus (zunächst mit
aufsteigendem Wasser)
Silvesterfeier der Freunde von Ferropolis durch Verein Industrielles
Gartenreich e. V.
2000
Januar: Beginn der Zuführung von Fremdwasser in den Tagebau
Golpa-Nord
16. Juli Eröffnung der ”Stadt aus Eisen” anlässlich der EXPO 2000
mit Konzert von Thoedorakis und Lichtshow des Designers Hoff
2001
Beginn erster Baumassnahmen für den Ausbau der Infrastruktur
Krise in Ferropolis: Finanzdefizit
2002
Neubesetzung der Geschäftsführung (Interimslösung), Erarbeitung
einer Machbarkeitsstudie (von Wenzel Consult AG, Hamburg/Büro Fuchs,
Wörlitz) - sieht Entwicklungschance für Ferropolis vor; Erstellung
eines Rahmenplanes durch ein Charrette-Team (Leitung Dr. Kegler mit
Gruppe F - Landschaftsarchitekten, ts-Redaktion, lokale
Ingenieurbüros, wie Büro Geyer, Renner, Kluge, Schmidt, Kühlhorn,
unter Einbeziehung von Ingenieur Reinknecht zu den Fragen der
Baggersanierung)
2003
16. Juni Bewilligung von Fördermitteln auf der Basis des
Rahmenplanes zur Sanierung der Großgeräte und für den Ausbau der
Infrastruktur, erfolgreichstes Jahr bei den Konzerten (Grönemeyer,
Metallica – jeweils ca. 25.000 Besucher) - insgesamt ca. 150.000
Jahresbesucher
November: Beginn der Bauarbeiten zur Infrastruktur und zur Sanierung
der Tagebaugroßgeräte,
12. November: Berufung einer professionellen Geschäftsführung durch
die Gesellschafter der Ferropolis GmbH
Grundsätzlich kann für diese Phase eingeschätzt werden, dass sich
die technische Sicherung der Großgeräte durch die LMBV bewährt
hatte, dass der vorgegebene Finanzrahmen eingehalten worden war und
dass Ferropolis ein Publikumsmagnet geworden ist, der in kurzer Zeit
den Status des Naumburger Doms (gemessen an Besucherzahlen) erreicht
hat.
Periodisierung der Entwicklung von Ferropolis – der „Stadt aus
Eisen“:
Die Periodisierung der Projektentwicklung zwischen der ersten Idee
von 1991, der Stadtgründung im Dezember 1995, der Übergabe der
Fördermittel im Juni 2003 und dem damit eingeleiteten Ausbau kann
wie folgt zusammengefasst werden:
1991 bis 1995: Initialphase des Projektes
Nach dieser Phase des Einleitens dieses Vorhabens, die von der
Entwicklung der Idee im Kontext des Industriellen Gartenreiches bis
zur symbolischen Stadtgründung reichte (1991 bis 1995), lässt sich
der weitere Prozess in zwei große Phasen gliedern:
1996 bis 2003: Konstituierung des Projektes - in den
Teilabschnitten 1996-2000 und 2001-2003
Der Zeitraum des eigentlichen Baus der wesentlichen Elemente der
„Stadt aus Eisen“, d. h. der Aufstellung der Großgeräte um eine
Veranstaltungsarena und der glanzvollen Eröffnung von Ferropolis im
Zuge der EXPO 2000 sowie der Einleitung der abschließenden Sanierung
der Großgeräte sowie Fertigstellung der Infrastruktur.
Ab 2004: Etablierung des Projektes (etwa bis 2010/15)
Der widersprüchliche Übergangsprozess bis zum Beginn der Schaffung
von Voraussetzungen für die eigenständige, wirtschaftliche uns
kulturelle Lebensfähigkeit der „Stadt aus Eisen“ wird etwa ein
Jahrzehnt in Anspruch nehmen – wie vergleichbare Vorhaben belegen
(Völklinger Hütte im Saarland). Ferropolis könnte im Kontext der
Internationalen Bauausstellung Stadtumbau in Sachsen-Anhalt als
Themenpark für neue wirtschaftliche und kulturelle Impulse auf den
Gebieten regenerative Energie, Kulturtourismus, Bildung und Kunst
fungieren. Der 10. Jahrestag von Ferropolis 2005 wird ein
Meilenstein auf dem Wege zur Profilierung als Themenpark einer neuen
Generation sein.
Faktorenmatrix zur Bewertung der
einzelnen Perioden:
|
Inhaltliche Dimension (Pläne, Visionen):
|
Inhalt |
|
Institutionalisierung (Vereine, GmbH,
Netzwerke): |
Institution |
|
Beteiligungsqualität (regionale
Einbindung, EXPO, regionale Projekte): |
Integration |
|
Innovationsgehalt (Vergleichsprojekte,
Modellcharakter, neue Projekte): |
Innovation |
Modell zur Periodisierung des Vorhabens Ferropolis mit untersetzten
qualitativen Faktoren:
|
|
Initialphase |
Konstituierungsphase |
Etablierung |
| |
1991-1995 |
1996-2000 |
2001-2003 |
ab 2004 |
Inhalt
|
Vision/Gründung |
Planung/Aufbau |
Tragfähigkeit |
Fertigstellung |
Institution
|
Bauhaus/LMBV |
EXPO/LMBV/SBD |
F.
GmbH/Gem. |
F.
GmbH/Partner |
Integration
|
Ind. Gartenreich |
EXPO/Reg. D. Zuk. |
REK/Masterplan |
IBA/Themenpark |
Innovation
|
Einmaligkeit |
Leitprojekt EXPO |
Groß-Veranstaltungen |
internationales Modell |
LMBV:
1990 bis 1993 MIBRAG (Treuhand AG), 1994 – 1995 MBV (Mitteldeutsche
Braunkohleverwaltungsgesellschaft mbH), ab 1996 (Vorbereitung ab
1995) LMBV
SBD:
Bauhaus Dessau, ab 1994 Stiftung Bauhaus Dessau
Ind. Gartenreich:
Projektidee des Bauhauses Dessau von 1989/90 – Modellvorhaben zur
kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Erneuerung
der altindustriellen und schrumpfenden Region im nördlichen
Mitteldeutschland (Bitterfeld, Dessau, Wittenberg) mit einer
Laufzeit bis 2000
F.GmbH:
Ferropolis GmbH, seit 1997
EXPO:
EXPO 2000 Sachsen-Anhalt GmbH - Vorbereitung seit 1994, Kernphase
1996 bis 2000
Regionen Der Zukunft:
Die Projektregion Industrielles Gartenreich ist aus einem Wettbewerb
eines Bundes-Modellprojektes zur innovativen Regionalentwicklung
„Regionen der Zukunft“ ausgewählt geworden (1998) und zum
Weltstädtebaukongress URBAN 21 in Berlin im Jahr 2000 mit einem
Preis ausgezeichnet worden.
REK:
Regionales Entwicklungskonzept Dübener Heide 2000/2001
Masterplan:
Rahmenplanung für die Bergbaufolgelandschaft Golpa/Nord-Gröbern 2000
Gem.:
Stadt Gräfenhainichen und Gesellschafter der Ferropolis GmbH
IBA/Themenpark:
Internationale Bauausstellung Stadtumbau Sachsen-Anhalt (2002-2010),
Themenpark für erneuerbare Energien, Freizeit und Kultur
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