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|Ferropolis-Studie|Vorbemerkung|  |1. Die strategische Bedeutung...|  |2. Grundlagen für die Entwicklung...|
|3. Die Stufen der Entwicklung...|   |4. Die Frage der Übertragbarkeit...|  |5. Der Ausblick: Vision, Wertung|  |Anhang|

 
Ferropolis – Studie:

2. Grundlagen für die Entwicklung des Projektes – der Braunkohlebergbau um Gräfenhainichen und dessen Übergang zur Bergbaufolgelandschaft

Im Auftrage der LMBV  -  Dr. Harald Kegler

Nicht nur Ferropolis ist ein außergewöhnlicher Ort und faszinierendes Ereignis, auch die heute umgebende Landschaft mit dem See, den Kippen und Uferbereichen markieren einen besonderen Ort: ein Tagebau im Schwenkaufschluss – eine Urform des Tagebaus, der selbst ein Denkmal darstellt. Beides zusammen ergibt das einzigartige Ensemble einer „natürlichen“ Kunstwelt nach dem Bergbau. Andere bergbaugeschichtliche Objekte im Südraum Leipzig oder in der Lausitz verdeutlichen auch die Leistungen des Sanierungstagebaus, stellen aber jeweils Ausschnitte dieser in Ferropolis gelungenen Ganzheitlichkeit einer spektakulären Stadt-Landschaft dar, die aus Bewahrung, Neugestaltung und permanenter Wiederbelebung ihren unverwechselbaren Reiz gewinnt und zunehmend auch als ökonomischer Faktor wirkt.
 
Der Tagebau Golpa-Nord wurde 1957 mit dem Anlegen der Entwässerungsstrecken als Nachfolgetagbau für den Tagebau Muldenstein für die Versorgung der Kraftwerke Zschornewitz und Vockerode aufgeschlossen. (vgl. Wasserrechtliches Planfeststellungsverfahren, 2003, S. 7) Der Tagebau wurde als Birnenaufschluss angelegt und dann als Schwenktagebau betrieben. Charakteristisch für diesen Tagebau war die geringe Mächtigkeit der Flöze von nur bis zu 5 m, welche noch durch Zwischenmittel, d. h. von Erdmaterial durchsetzt war. Das Deckgebirge betrug ca. 24 m. Damit zählte der Tagebau Golpa-Nord zu kleinen Abbaugebieten im mitteldeutschen Raum. Die Aufschlussbaggerung begann 1962 und ab 1964 wurde vom Aufschlussbetrieb zum Regelbetrieb übergegangen, d. h., der Tagebau war nach 7 Jahren Vorbereitung nun für den kontinuierlichen Abbau von Braunkohle bereit. Im Jahr 1968 wurde eine bis 1972 andauernde Stundung des Abbaus verfügt, also eine Abbaupause eingelegt. Die meisten Geräte wurden aus dem Tagebau Golpa-Nord abgezogen, so erfolgte z. B. am 15. Juli 1971 der Transport eines Großgerätes zum Tagebau Goitsche durch die Mulde. Die Braunkohleförderung sollte durch Erdgaslieferungen aus der Sowjetunion ersetzt werden. Doch die Lieferungen reichten nicht aus, so wurde der Beschluss gefasst, den Tagebaubetrieb wieder aufzunehmen. Von 1972 bis 1991 erfolgte dann der systematische Abbau – im Uhrzeigersinn um die heutige Halbinsel Ferropolis herum. Am 1. August 1991 wurde der Tagebau in die Sanierung überführt. Fast genau 8 Jahre später begann dessen Flutung, die etwa 2004/05 vorläufig abgeschlossen sein dürfte. Im Tagebau Golpa-Nord waren über den gesamten Zeitraum 18 Tagebaugroßgeräte im Einsatz gewesen. Fünf von diesen Geräten wurden gesichert (vier davon unter Denkmalschutz gestellt*) und bildeten ab 1997 den Kern von Ferropolis:

Bagger 197 ERs 400 (Einsatz seit 06/1964)*
Bagger 651 Es 1120 (Einsatz seit 07/1992)*
Absetzer 1022 A2s 2240 (Einsatz seit III/1974)*
Absetzer 1025 As 1120 (Einsatz seit III/1974)*
Bagger 1521 SRs 1300 (Einsatz seit 04/1993)

Das dienstälteste Gerät ist der Eimerkettenbagger 197, Baujahr 1941, der wegen seiner häufigen Umsetzung auch das „Rennpferd“ genannt wurde. Er hatte insgesamt 221 km zurückgelegt und war dabei mehrfach zwischen den Tagebauen Golpa, Muldenstein, Gröbern und Haldenbereichen gewandert.

Mit dem Kohleabbau war eine weitgehende Absenkung des Grundwasserspiegels auf eine Sohle von etwa minus 65 m NN durch den Betrieb von etwa 300 Filterbrunnen und bis zu drei Wasserhaltungen im Tagebau verbunden. Gleichzeitig wuchsen Abraumhalden vorrangig in der Nähe der Ortslage Goltewitz (nördlich von Golpa-Nord), wo 80% des Abraums aus dem Aufschluss verbracht wurden. Seit 1972 wurde der Abraum dann im Inneren des ausgekohlten Teils des Tagebaus verkippt, was u. a. zu den charakteristischen Schüttkegelketten führte, die während der Grubenwanderungen zwischen 1995 und 1998 eine spektakuläre Kulisse für die Aktionen in der Grubenlandschaft darstellte.

Die Hauptleistungsphase des Tagebaus wird für den Zeitraum zwischen 1974 und 1987 angesetzt. (a.a.O., S. 8) dabei wurden 342,3 Mio. m³ Abraum und 69,9 Mio. t Rohkohle gefördert. Als Nebenprodukt der Kohleförderung wurde zwischen 1980 und 1990 Ton gewonnen und auf die Halde östlich von Jüdenberg abgelagert (8,2 Mio. t). Jährlich wurden im Tagebau ca. 12 Mio. m³ Wasser gehoben und in die Vorfluter geleitet. Bis zur endgültigen Einstellung der Wasserhebung im Jahr 1997 wurden insgesamt etwa 425 Mio. m³ Wasser gehoben. Daraus leitet sich ein grob geschätztes Verhältnis von bewegtem Abraum, gehobenem Wasser und geförderter Rohkohle von 5:6:1 ab. In anderen Worten: Um an einen Eimer Braunkohle zu gelangen mussten 6 Eimer Wasser abgepumpt und 5 Eimer Abraum verkippt werden (ein Bild, das während der Grubenwanderungen entwickelt wurde und den Besuchern eindrucksvoll die Massenverhältnisse im Tagebau vor Augen führte). Die ökonomische und ökologische Fragwürdigkeit des Braunkohletagebaus wird an hand dieser Relationen plastisch. Insgesamt wurden im Bereich von Golpa-Nord 1700 ha Landschaft devastiert. Das Dorf Gremmin wurde 1982 überbaggert, d. h., es wurde abgetragen und die Einwohner umgesiedelt. Gleichzeitig mussten zwei Hochspannungsfernleitungen und eine Ferngasleitung verlegt werden. Mehrere Strassen verschwanden. Dennoch: die Förderung von Braunkohle war für die DDR-Wirtschaft und die Versorgung der Bevölkerung zu dieser Zeit alternativlos. Daraus erwuchs ein Stolz der Bergleute, an einer Schlüsselstelle der Volkswirtschaft tätig zu sein. Bergleute, wie Baggerführer und Lokomotivführer, ja, der Bergmann generell (und besonders die „Bergfrau“, die auch im direkten Tagebaubetrieb, so beim Gleisrücken, eingesetzt war) hatten einen besonderen Stellenwert in der Öffentlichkeit. Sie vertraten sehr selbstbewusst ihren Status. Dieser erwuchs auch aus der körperlich außerordentlich anstrengenden Arbeit. Im Tagebau Golpa-Nord waren in der Spitzenzeit der Förderung 820 Menschen beschäftigt – neben dem Kraftwerk Zschornewitz der größte Betrieb in der Region.

Ganz zweifellos hätte mit Energieeinsparung, dem Umstieg auf Erdgas, der rechtzeitigen Förderung von alternativen Energien u.ä.m. der Verbrauch von Landschaft und Ressourcen gemindert werden können, und vielleicht wäre Golpa-Nord 1972 nicht wieder in Betrieb gegangen ...

Doch die Abbaupolitik sah eine andere Strategie vor: Der Tagebau Golpa-Nord reiht sich ein in eine Kette von Tagebauen, die, ausgehend von den Abbaufeldern bei Bitterfeld, die bereits seit 1838 betrieben wurden, sich systematisch nach Nordosten und dann in Richtung Dübener Heide bewegen sollten. Die Dübener Heide war bereits seit dem 17. Jahrhundert als Abbaugebiet für Raseneisenstein und Braunkohle genutzt – viele der heutigen Seen dort sind ehemalige Bergbaubereiche. Mit der Ausweitung des Abbaus ab 1900 in den Bereich Zschornewitz – besonders im Zusammenhang mit der Errichtung des Kraftwerkes 1915 – begann der Braunkohleabbau sich wieder der Dübener Heide zu nähern, diesmal jedoch mit großer Technik und in großflächigem Abbau. Die langfristige Strategie aus der DDR-Zeit sah schließlich vor, groß angelegte Abbaugebiete über Gräfenhainichen hinaus zu erschließen und bis etwa 2050 weite Teile der Dübener Heide abzubauen. (vgl. Markscheiderei LMBV)
Der Tagebau Gopla-Nord sollte 1991 planmäßig außer Betrieb gehen – er war der letzte Tagebau im Bitterfelder Revier, der noch vollständig ausgekohlt worden ist. Die Förderung von Kohle wurde als Ablösung dann im Tagebau Gröbern, südlich von Gräfenhainichen Mitte der 1980er Jahre aufgenommen. Dieser Tagebau, der ab 1987 Kohle lieferte, sollte den Anfang machen bei der Erschließung der Dübener Heide. Er ging – als einer der letzten - 1993 aus dem Betrieb und folgt Golpa-Nord in der Herstellung einer Seenlandschaft.

Der Tagebau Golpa-Nord stellt als einer, der zufällig mit der Wende in der DDR außer Betrieb ging, ein einzigartiges Zeugnis eines einerseits planmäßigen Übergangs vom Tagebau zur Bergbaufolgelandschaft dar. Andererseits repräsentiert er als einer der ersten und zugleich auf markanteste Weise die Veränderung der Sanierungs- und vor allem Nachnutzungsstrategie der Bergbaugesellschaft: Ferropolis war (ist) eine Besonderheit. Zu DDR-Zeiten wurden die Tagebaue nach deren Auskohlung geflutet, die Restflächen dem Forst, der Landwirtschaft oder dem Militär als Übungsgelände zur Verfügung gestellt. In einigen Bereichen wurden Erholungsgebiete angelegt. In den meisten Fällen wurde eine durchgängige, technische Sanierung durchgeführt, d. h., die gesamte „neue“ Landschaft in neue Nutzung überführt.

Mit der Wende kam schrittweise eine neue Fragestellung auf: Der Bedarf an neuer Nutzung ist drastisch zurückgegangen. Die schlagartige Zunahme an Bergbaufolgelandschaften – nahezu 80% der ehemaligen Tagebaue sind in einem Jahrzehnt seit 1990 stillgelegt worden – warf die Frage auf, wie diese vielen devastierten Flächen nach der Flutung zu nutzen seien. Gerade auch im Zusammenhang mit der Debatte um Ferropolis, den Grubenwanderungen und der Landschaftskunst im Tagebau entstanden neue Ansätze, wie: Tagebaubereiche der Natur überlassen (z. B. Teilbereiche der Goitzsche-Landschaft), Bergbaubereiche als Landschaftskunst entwickeln, Freizeitnutzung wird die Hauptnachnutzung sein. Der Bergmann wurde somit in eine neue Rolle gebracht: er begann Landschaft neu zu gestalten. Was früher sein Arbeitsplatz war, wurde nun nicht mehr nur zum „Nachsorgegebiet“, sondern zu einem Areal, des Neuschaffens von Werten, von Möglichkeiten für neue Chancen nach dem Bergbau, für Naturschutz, für Tourismus, für neue ästhetische Qualitäten, für wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung. Der Bergmann (Bergfrau) mutierte zum Landschaftsgestalter. Für den mitteldeutschen Raum begann dieser Prozess an vier Orten: in Golpa-Nord, an der Goitsche bei Bitterfeld und, etwas zeitversetzt, am südlichen Stadtrand von Leipzig sowie im Geiseltal bei Merseburg. In Golpa.-Nord wurde Pionierarbeit geleistet – Ferropolis war der praktische Anfang.

Die Grubenwanderungen – Begegnungen mit dem „Weißen Fleck“

Die Welt „im Loch“ war eine unbekannte, jedenfalls für die meisten Menschen. Nur durch Berichte aus dem Fernsehen und der Presse über die „Winterschlachten“ im Tagebau waren schemenhafte Kenntnisse über die Bedeutung, die Arbeit und die Probleme, die mit dem Braunkohlebergbau verbunden waren, in der Öffentlichkeit bekannt. Kaum jemand hat je die Chance gehabt, einen Tagebau leibhaftig zu betreten. Folglich existierten auch nur vage Vorstellungen davon, was ein solcher Tagebau ist, wie er organisiert ist, unter welchen Bedingungen gearbeitet wurde und was er letztlich gesamtwirtschaftlich bzw. ökologisch bedeutete.

Um ein solches Vorhaben wie Ferropolis auch für eine breite Öffentlichkeit verständlich machen zu können war (und ist) es notwendig, den Zusammenhang mit dem Braunkohletagebau, mit der unmittelbaren Bergbau-Landschaft herzustellen.

Am 6. Mai 1995 fand eine (Welt)-Premiere statt: die erste Grubenwanderung durch den – noch in Sanierung befindlichen Tagebau Golpa-Nord. Initiiert und geleitet wurde die Wanderung durch den „Spaziergangsforscher“ Bertram Weishaar, der im Auftrage des Bauhauses Dessau, unterstützt und getragen vom Verein Industrielles Gartenreich e. V. eine Gruppe von etwa 200 Entdeckern leitete. Die LMBV hatte dies ermöglicht – nach anfänglicher Überraschung ob dieses Ansinnens vom Bauhaus – erfolgte die übliche gründliche Prüfung, Einweisung, Belehrung - in enger Abstimmung mit dem Bergamt Halle. Es wurden mehrere „Grubenwanderführer“ zertifiziert, die dann die einzelnen Wandergruppen bei ihren Erkundungsspaziergängen auf vorher strikt festgelegten Routen durch die „Canons“, die „Hochebenen“, die „Wüsten“ oder „Hügelketten“ begleiteten. Ab 1996 wurden die im Vorfeld der Wanderungen im Rahmen sog. „Claim-Summer“ durch Studenten verschiedener Hochschulen „Land-Art“-Projekte in der Grube realisiert, die als künstlerische Interpretationen Zusammenhänge, Widersprüche und Assoziationen in der Landschaft – auf Zeit - aus Menschenhand zeigten. Gepaart wurden die Landschaftsgestaltungen durch musikalische Ereignisse, Lesungen und Bootsfahrten. Für die Besucher war es immer wieder eine Offenbarung, hatten sie doch Eindrücke von einem „Weißen Fleck“ Erde erhalten können, der direkt vor ihrer Haustür liegt. Bis zum Ende der Wanderungen im September 1998 kamen während der gut 100 Wanderungen (jeweils an Wochenenden im Sommer) mehr als 6000 Menschen in die bizarre Landschaft auf dem Grund des zukünftigen „Gremminer Sees“, also 18 bis ca. 25 Meter unter dem zukünftigen Wasserspiegel.

Für vier Jahre war eine Zwischennutzung der Grube installiert worden, die mehr als nur ein temporäres Ereignis war. Sie hatte prinzipielle, historische Bedeutung: Jede Wanderung war Teil eines irreversiblen Prozesses; jeder Weg war einmalig, denn die Landschaft veränderte sich fortwährend – Erkenntnisse, die die Besucher als eine besondere Schule des Sehens erfuhren. Der große Zuspruch zeugte von dem Bedarf, sich einer solchen „Erlebnis- und Erkenntnis-Strapaze“ unterziehen zu wollen.

Eine Grube soll trocken bleiben – ein See entsteht

Bereits vor der ersten Wanderungen durch die Bergbaufolgelandschaft auf der Grubensohle entstand die Idee, dass diese faszinierende und zugleich lehrreiche Landschaft vielleicht nicht in Kürze geflutet werden sollte, sondern über einen längeren Zeitraum trocken bleiben könnte. Erste Überlegungen wurden dazu 1994 angestellt und u. a. von Prof. Ganser gegenüber der LMBV dargestellt:
“Für die Entwicklung der Industriegesellschaft nach der Phase der Ausbeutung von Kapital und Natur ist es wichtig, die Regeneration in langsamen Schritten bewusst zu machen und in einem Dialog von Versuch und Verbesserung immer weiter zu qualifizieren. Dieses ‚große Labor’ könnte das ‚Industrielle Gartenreich’ ausmachen und den Ruf der Region als eine reformoffene weit über die Grenzen des Landes hinaus erneut ins Bewusstsein bringen.“ (Prof. Ganser in einem Brief an die LMBV, 11. Mai 1994)

Dadurch wäre es vielen Besuchern möglich, die Veränderung der Landschaft wahrzunehmen, d. h., sie könnten die „Rückverwandlung“ der durch Menschenhand „geschlagenen Wunde“ in das System der Natur nachvollziehen. Ein langsamer, natürlicher Anstieg des Grundwassers, also eine Rückeroberung des „gestörten Areals“ durch die Natur wäre ein Jahrhunderterlebnis.

Dieser Vorschlag wurde der LMBV unterbreitet, die ihn ernsthaft prüfte. Theoretisch hätte – bei langfristigem Planungsvorlauf - die Möglichkeit bestanden, diese Idee umzusetzen. Jedoch sprachen letztlich zwei wesentliche Gründe dagegen, die Grube Golpa-Nord über einen längeren Zeitraum trocken zu halten:

1996 die enormen Kosten von etwa 1 Mio. DM pro Jahr für das Abpumpen von etwa 5 bis 7 Mio. m³
Wasser;

1997 die bereits fast fertiggestellte Böschungssanierung, die auf eine schnelle Flutung ausgelegt war (wäre in der Abschlussbetriebsplanung von Anbeginn eine Trockenhaltung vorgesehen gewesen, hätte zwar eine Möglichkeit bestanden, die Böschungen auch für diesen Fall auszulegen, doch wäre das mit einem massiven Verändern der gesamten Böschungslandschaft und letztlich mit erheblichen Zusatzkosten verbunden sein müssen).


Somit wurde dieser Gedanke verworfen. Der gesetzte Kostenrahmen für die Sanierung und den Aufbau von Ferropolis konnte eingehalten werden. Der Beginn der Flutung des Tagebaus Golpa-Nord erfolgte im Oktober 1999. Bis 2004 wird der vorläufige Zwischenwasserstand von 76,6 NN erreicht (letztlich werden 78,6 m NN erreicht). Der See wird dann eine Fläche von 543 ha einnehmen. Dafür müssen (seit 2000) 69,4 Mio. m³ Wasser in den Tagebau geleitet werden – als Fremdwasser aus der Mulde. Auch der Abschluss des Tagebaubetriebes bedeutet noch einmal eine enorme technische und ökonomische Anstrengung. Die Hinterlassenschaften des Bergbauzeitalters müssen mit erheblichem Aufwand in einen für die Öffentlichkeit sicheren und für eine natürliche Regenerierung geeigneten Zustand versetzt werden.

Die Eisenbahn – Abraum, Kohle und Besucher

So, wie die Grubenbahn elementarer Bestandteil des Tagebaubetriebes war, ist nun Die „Ferropolis-Erlebnisbahn“ Bestandteil der „Stadt aus Eisen“. Ferropolis ist über einen Haltpunkt nicht mit dem regionalen Bahnnetz, dem ehemaligen Grubenbahnnetz, verbunden, sondern kann über Anschlüsse mit dem Netz der Deutschen Bahn AG mit allen Fernzielen verknüpft werden. Die Fahrt einer Delegation aus dem Ruhrgebiet mit dem legendären Rheingold-Express im August 1997 hat dies bereits unter Beweis gestellt. Damit war die Gleisverbindung nach Ferropolis eingeweiht worden. Seit dem gibt es in der Saison regelmäßige Fahrten von Dessau oder von Leipzig nach Ferropolis. Touristengruppen oder Veranstaltungsbesucher nutzen diese Mittel zur Anreise. Die Bahn erfährt also eine Wiedergeburt.

Neben dieser verbindenden Funktion, die die Eisenbahn erfüllt und zukünftig durch fahrplanmäßigen Verkehr erfüllen wird, kann die historische Dimension der Eisenbahn im Grubenbetrieb erlebt werden: Auf dem Gelände der Ferropolis GmbH, an der Station 18 (ein ehemaliges Stellwerk) wurde die größte Sammlung von Eisenbahntechnik des Braunkohletagebaubetriebes angelegt und wird von einem Verein betreut. Die LMBV hat damit eine einmalige Sammlung dieser Technik geschaffen, die das touristische Zielgebiet Ferropolis durch eine wichtige Komponente erweitert. Hier sind neben den verschiedenen Typen von Lokomotiven und Kohle- bzw. Abraumwaggons, auch Kuriositäten des spezifischen DDR-Tagebau-Eisenbahnbetriebs zu besichtigen. Besondere Attraktionen stellen die Gleisrückmaschinen dar. Zu sehen sind außerdem E-Loks verschiedener Typen, Spezial- und Mehrzweckwagen, ein Schneepflug, Dieselloks oder Rottenkraftwagen, eine sowjetische Rangierlok und Salonwagen oder eine neuer Doppelstock-Schienenbus der Baureihe 670 der DB AG, mit dem die ersten regelmäßigen Bahnfahrten im Zusammenhang mit den Grubenwanderungen nach Ferropolis unternommen worden waren.

Die Region – Einbindung von Ferropolis

Im Ergebnis eines internationalen Studentenwettbewerbes zur Erneuerung altindustrieller Standorte, bei dem ein Team aus Karlsruhe mit einer Planung für Zschornewitz den ersten Preis erhalten hatte, erhielten diese Studenten ein Stipendium, um ihre Idee weiter zu präzisieren. Dieses Stipendium war mit einem Aufenthalt am Bauhaus Dessau verbunden und wurde von der regionalen Wirtschaftsförderung in Dessau gestiftet. Am Bauhaus entwickelten die Studenten 1994 – zusammen mit Mitarbeitern der Abteilung Experimentelle Werkstatt des Bauhauses die Idee eines „Pfades der industriellen Wandlung“. Dieser touristische Themenpfad sollte von der Grube Golpa-Nord, über das zukünftige Ferropolis, zum Industriedenkmal Kraftwerk Zschornewitz, durch die – dann erneuerte – Kraftwerkskolonie zur Außenkippe Gröbern führen, auf welcher ein Windenergiepark errichtet werden sollte. Bis 1998 wurde diese Idee in Kooperation mit der regionalen ABM-Gesellschaft, ÖKO-Tours, sowie den Partnern EXPO GmbH, Vereinigte Energiewerke AG (VEAG), LMBV und den Gemeinden sowie dem Landkreis Wittenberg umgesetzt. Auf diesem Weg kann der Besucher die Wandlung der Verstromung von Kohle zu einem Ort der regenerativen Energieerzeugung erleben und zugleich eine vielfältige Industriefolgelandschaft kennen lernen.

Dieser erste Baustein einer regionalen Verknüpfung von Ferropolis wurde ab 1999 in die Konzeption der mitteldeutsche „Strasse der Braunkohle“ aufgenommen, die in Vockerode bzw. Ferropolis beginnt und bis in den Südraum Leipzig führt. Im Rahmen der Erarbeitung des Regionalen Entwicklungskonzeptes Dübener Heide wurde ein Akteurswettbewerb zur Ermittlung zukunftsträchtiger Projekte regionaler Vernetzung durchgeführt. Der „Pfad der industriellen Wandlung“ erhielt eine Auszeichnung und wurde in die offizielle Projektliste des REK mit prioritärer Bedeutung aufgenommen. Im Laufe der Weiterentwicklung dieses Projektes wurde eine Vernetzung der Objekte der Industriekultur zwischen Bitterfeld/Wolfen und Wittenberg/Piesteritz vorgenommen. Ab 2003 übernahm der Verband Tourismusregion Wittenberg, welcher 2002 in Ferropolis gegründet worden war, die Projektleitung dieses Vorhabens, das nun unter dem Titel „Kohle, Dampf & Licht“ – ein Weg der Industriekultur - firmiert.

Eine zweite neue Anbindung von Ferropolis wurde strategisch von der LMBV eingeleitet und im Jahr 2002 von der Stadt Gräfenhainichen im Rahmen der Planung für den Stadtumbau weiterentwickelt: die Verbindung von Ferropolis über das Wasser nach Gräfenhainichen. Mit dem Bau einer Brücke über die nördliche Umgehungsstrasse der Stadt wurde die Möglichkeit geschaffen, einen Brückenkopf zu errichten. Von diesem können zukünftig Boote bzw. eine Fähre nach Ferropolis fahren. Zugleich ist diese Fußgängerbrücke der nördliche Anfang einer Stadtachse, die bis zum südlichen Übergang der Stadt zum zukünftigen Gröberner See führt. Diese Achse fungiert dann als neues Rückgrad der Stadt und verzahnt diese mit der neuen Seen- und Kulturlandschaft nach dem Bergbau. (vgl. Beitrag der Stadt Gräfenhainichen zum Bundeswettbewerb Stadtumbau-Ost, 2002)


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