Industrielles Gartenreich
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|Ferropolis-Studie|Vorbemerkung|  |1. Die strategische Bedeutung...|  |2. Grundlagen für die Entwicklung...|
|3. Die Stufen der Entwicklung...|   |4. Die Frage der Übertragbarkeit...|  |5. Der Ausblick: Vision, Wertung|  |Anhang|

 
Ferropolis – Studie:

1. Die strategische Bedeutung des Projektes für die Nachnutzung einer Bergbaufolgelandschaft

Im Auftrage der LMBV  -  Dr. Harald Kegler

„Siebentausend Tonnen Ästhetik“ – so könnte Ferropolis, die Stadt aus Eisen, in Analogie zu einem Beitrag, der vor 15 Jahren in der führenden DDR-Design-Zeitschrift ”FORM + ZWECK” über die Gestaltung von Tagebaugroßbaggern erschienen war, bezeichnet werden. Euphorisch wurde darin seinerzeit noch die Ästhetik des Maschinenzeitalters gefeiert: ”Zuweilen wird der Industrieformgestalter mit Fragen konfrontiert, die ihn an Grenzbereiche der ästhetischen Gestaltung führen. Sollte man ab bestimmten Erzeugnisgrößenordnungen versuchen, noch ordnend einzugreifen, und wenn, in welchen Bereichen? Diese Frage steht zum Beispiel für die Gestaltung von Tagebaugroßgeräten. Einerseits prägen diese Erzeugnisse mit der von ihnen geschaffenen Umgebung ganze Umweltbereiche, andererseits bekommen nur vergleichsweise wenige diese Geräte zu Gesicht. Auf der einen Seite verkörpern und schaffen sie Millionenwerte, andererseits verwandelten sie zeitweise natürliche Gegebenheiten und verändern das Antlitz der Umwelt. In dieser Widersprüchlichkeit agieren Menschen, dirigieren den Prozess mit Hilfe komplizierter Hochtechnologien und sind selbst auf Höchstleistungen aus.” (Hammitzsch, H., 1988, S. 34)
 
Die zweckorientierte Gestaltung dieser Großgeräte bestimmte die Auseinandersetzung über die ästhetischen Herausforderungen solcher Aufgaben, jedoch keine Zweifel an deren Zweck. Heute, ein Jahrzehnt später, sind fast alle Braunkohletagebaue im ehemaligen mitteldeutschen Revier stillgelegt. "Tausende Tonnen Ästhetik" sind geronnen, erstarrt zu Dinosauriern eines vergangenen Zeitalters. Die ästhetische und soziale Herausforderung hat sich gewandelt – aber auch der ökologische Gesamtzusammenhang ist deutlicher geworden.

Diesem Thema widmete sich das Bauhaus Dessau mit seinem regionalen Gestaltungsprojekt Industrielles Gartenreich seit 1989. Die Frage, die dieses Langzeitvorhaben bestimmte, lautete, wie mit dem radikalen Umbruch der industriellen Gesellschaft und den damit verbundenen sozialen Verwerfungen, dem Überflüssigen an Baulichkeiten und Material, dem Verlust an Identität und Zukunftsvertrauen umgegangen werden kann und zugleich eine neue, anspruchsvolle Stadt-Landschaft nach dem Ende dieses Industriezeitalters für und mit den dort lebenden Menschen gestaltet werden kann. Damit wurde keineswegs eine provinzielle Sondererscheinung thematisiert, sondern ein prototypischer Fall aufgegriffen, der für alle Industrieländer der Welt zutrifft und viele Parallelen im Norden der USA, in Frankreich, in Mittelengland, in Spanien, im Ruhrgebiet oder in Schlesien, in Brasilien oder Japan hat. Wesentliches Anliegen war es, die Spuren des Industriezeitalters nicht einfach verschwinden zu lassen oder zu beschönigen, sondern als Ansatz für neues Leben in der industriellen Brache zu nutzen.

Doch wäre das ganze Vorhaben, eine „Stadt aus Eisen“ zu bauen, ein buntes Bild geblieben, eine schillernde Vision, wäre nicht die LMBV gewesen, die von Anbeginn diesem Vorhaben nicht nur Sympathie sondern letztlich auch finanzielle und materielle Kraft entgegenbrachte. Dieses Projekt gehört zu den herausragenden Sanierungsvorhaben, weil hier die LMBV ein Jahrzehnt ungewöhnliche, letztlich erfolgreiche Wege zur Gestaltung einer Landschaft nach dem Bergbau mit den regionalen Partnern ging. Es kann als ein Modell verstanden werden, wie eine Idee – hier aus dem Bauhaus Dessau – mit politischer Kraft und finanzieller Unterstützung des Landes – hier Sachsen-Anhalt, des Bundes und der EU – und den Fähigkeiten der Bergbausanierungsgesellschaft, solche großen Projekte erfolgreich umzusetzen, zusammengeführt worden. Dabei wurde täglich Neuland betreten und auch Risiko eingegangen – von allen Beteiligten. Der Weg war nicht gradlinig und das Projekt stand nicht immer unter einem gutem Stern. Doch die Motivation der beteiligten Akteure schaffte es immer wieder, das Projekt voran zu bringen. Ein wesentliches Motiv war die EXPO 2000 in der Korrespondenzregion Dessau-Wittenberg-Bitterfeld (welche dem Projektgebiet des Industriellen Gartenreichs entsprach), in dessen Herz Ferropolis liegt. Die EXPO 2000 Sachsen-Anhalt GmbH hat als Entwicklungsgesellschaft des Landes das Projekt in einer wichtigen Phase gezielt vorangebracht und eine große Öffentlichkeit hergestellt.

Die „Grenzstadt der Moderne“ entsteht

Im Ernst – Ferropolis wird eine ”Stadt”. (Vgl. Kegler, H., 1999, S. 114 - 118) ”In einer der Exkursionen zu dem Tagebaurestloch Golpa-Nord und uns unberechtigt auf dem dortigen Gelände vor einem Baggerverschrottungsplatz aufhaltend, wurden wir von einem ungewöhnlich schnell heranfahrenden Trabi überrascht. Zwei Herren stiegen aus. Einer von ihnen beleibt und zwar so sehr, dass sein rotes T-Shirt nicht bis zur Hose reichte. Daneben trug er noch einen breitkrempigen Cowboyhut und einen Revolver. Ich ging auf die beiden zu: ”Phantastische Geräte diese Bagger... usw. – Es ist verboten das Gelände... die werden verschrottet. Auf dem einen hier bin ich fünf Jahre lang gefahren. Eigentlich schade. Man könnte ein Cafe oder eine Aussichtsplattform daraus machen. Aber das interessiert ja keinen und ist sowieso nur Spinnerei.” So begann das Gespräch des Ferropolis-”Erfinders” vom Bauhaus (Rainer Weisbach) mit dem ehemaligen Bergmann Harald Harnisch, Baggerführer auf dem Bagger 651, der nunmehr eingesetzt worden war, um die Grube zu bewachen.

Auf dem stillgelegten Industrieareal inmitten des ausgekohlten Tagebaus entsteht ein Kunstort. Dort, wo einst das ”Headquarter” der Tagebauleitung seinen Sitz hatte, den sogenannten Tagesanlagen, Einrichtungen für den Bergbaubetrieb mit dem Management, zentraler Energieversorgung und Logistik, entsteht die künstliche Neuansiedlung: Fünf ausgediente Schaufelrad- und Eimerkettenbagger sowie Absetzer, jeweils bis zu 150 m Länge und über 30 m Höhe, wurden an diesen Ort transportiert und zu einem Ensemble um eine Arena gefügt. 7000 Tonnen zur Verschrottung vorgesehener Stahl in Form gigantischer und zugleich filigraner Konstruktionen werden einen neuen Sinn erhalten. Die zur Ruhe gekommenen Großgeräte wecken Assoziationen: Diese ”Vögel” aus Urzeiten, die Saurier einer vergangenen Epoche haben sich in einem Horst eingefunden und beraten über ihr zukünftiges Leben in einer Zeit, da ihresgleichen ausgestorben sein werden...

Was hat dies mit ”Stadt” zu tun? Ein Arrangement stillgelegter Relikte eines Industriezweiges, der überflüssig geworden ist, hat eher etwas Museales an sich, als dass es mit der Urbanität einer alten Stadt mit ihren Straßen, Plätzen und Architekturen verschiedener Epochen zu tun hätte. Das Ensemble bildet eine Konstruktion von neuer Wirklichkeit mit authentischen Objekten der industriellen Vergangenheit – und nur mit solchen. Es hebt sich ab vom üblichen Weg der Sanierung der menschengeschaffenen ”Mondlandschaften”, die ansonsten alle Spuren des Eingriffs in die Landschaft zu tilgen pflegt. Durch den Erhalt von Elementen des Braunkohlebergbaus entstand Raum für neue Möglichkeiten der Gestaltung.

Ferropolis ist Museum und Mahnmal, Stahlskulptur, Veranstaltungsareal, Themenpark für Kunst und Kultur, Ort für die Ansiedlung neuen Gewerbes, kontemplativer Ort, Landmarke und Werbeträger der EXPO – ein vielgestaltiges Areal. Dies deutet auf einen Freizeitpark, wie er seit ”Gas Works” in Seattle von 1972 bis zum Stahlwerk Duisburg-Meiderich der 90er Jahre auf stillgelegten Industrieanlagen eingerichtet wurde. Ferropolis ist mehr. Hier entsteht etwas Neues wie eine sozial-kulturelle Plastik aus ”Versatzstücken des Industriezeitalters”: Die industriegeschichtlichen Objekte sind an einem für diese neuen Ort zu einem neuen und doch alten Gebilde gefügt worden. Die Großgeräte waren einst monströs erscheinende Werkzeuge: ”Ferropolis” bildet ein Monument der vergangenen Arbeit und der Technikfaszination, aber auch neuer Freizeitmöglichkeiten und neuer Tätigkeiten. So schwankt die ”Stadt” zwischen Kultort und Keimzelle sozialer Aktivität, deren kulturelle und ökonomische Basis nicht mehr die im 19. Jahrhundert entstandene Industriearbeit ist.

Die Bagger sind (auf Anregung des Bauhauses Dessau) 1994 unter Denkmalschutz gestellt worden – eine Voraussetzung für ihre Weiternutzung. Das gesamte Ensemble ist jedoch ein Denkmal besonderer Art. Die Denkmale stehen an einem neuen Ort und haben nichts mehr mit ihrer ursprünglichen Funktion gemein. Ist das noch ein Denkmal? Wird hier nicht Denkmalschutz zum ”Bauchladen” des beliebigen Umgangs mit der Industriegeschichte? Vielleicht aber verbirgt sich gerade in dem unkonventionellen Umgang mit den Hinterlassenschaften der Industrie ein unprätentiöser Umgang mit Denkmalen. Keine Starre, sondern Weiterentwicklung könnte das Motto dafür lauten.

Ferropolis hat ”die Rolle einer doppelten Mahnung: Ein industrielles Zeitalter des Denkens in großen Dimensionen der Apparate bei kleinem Horizont der Ökonomie ist endgültig vorbei. Der Referenzkapitalist Staat, den Marx noch beschwören musste, ist der Globalisierungsfalle anheim gefallen. Dafür ist Ferropolis tatsächlich das derzeit beste Denkmal. Andererseits mag die Baggerstadt den Menschen der Region als Ansporn dienen, aus der eigenen Notsituation heraus Mikrostrukturen zu schaffen, die erst in einer oder zwei Generationen als Identität sich niederschlagen können – etwa in der Ansiedlung postindustrieller Gewerke. ...” (Sachsse, R., 1997, Internet-Kommentar)

Woraus entsteht eine neue Stadt? Eine alte Frage, wurden doch seit Jahrtausenden neue Städte gebaut. Aus welchem Material waren sie? Die Antwort war einfach: Aus dem Vorhandenen; die Reichen unter den Stadtgründern konnten es sich leisten, Material von weit her zu holen, exotische Steine und Hölzer; die Ärmeren nahmen das am Ort Vorhandene. Im 20. Jahrhundert schien es keine Frage mehr zu sein, welche Materialien verwendet werden – Stahl und Beton ermöglichten das Bauen überall und in jeder Form. Eine Haltung, die auch nicht ohne Auswirkung auf die Bestrebungen des Bauhauses der 20er Jahre und dessen Nachfolger blieb. Heute, am Ende dieses Jahrhunderts, mehren sich Zweifel an der Gültigkeit dieser ”alles-ist-machbar” - Maximen. Der Kern der ”Altstadt” von Ferropolis besteht ausschließlich aus örtlich vorhandenem, künstlichem Material.

Wie entsteht eine neue Stadt? Architekten und Bauleute schaffen die Räume – die eigentliche Stadt aber entsteht durch ihren Gebrauch als Gemeinwesen. Doch zu einer solchen Körperschaft gehört mehr als sechs Jahre des Planens und Bauens. Es genügt nicht, etwas zu bauen und mit Spektakel einzuweihen. Urbanes Leben braucht kulturelle Initiatoren, Phantasten, die im Schrott, Schutt und Leeren neues, städtisches Leben ahnen und dieses selbst erproben. Die ersten Schritte gingen das Bauhaus und die ehemaligen Bergleute. Inzwischen kommen immer häufiger Interessierte aus der näheren und fernen Umgebung, aus dem Ausland – nicht nur als Besucher. Gärtner begannen zu wirken. Ein Magazingebäude wurde zur zeitweiligen „Orangerie“ – ein Name, der inzwischen Eingang in den technischen Begriffsapparat der Bergbauverwalter gefunden hat.

Ein Experiment hat begonnen, um Gewohntes aufzubrechen, ein Zeichen ist im Entstehen, das Fragen und Antwortsuche nach dem Umgang mit dem Erbe der industriellen Gesellschaft provoziert.

Ferropolis ist (noch) keine Stadt: Die Unwirtlichkeit unserer realen urbanen und suburbanen Umwelt, unserer fragmentierten Stadt-Landschaft, bedarf des Wagnisses kraftvoller, auch symbolträchtiger Gegenimpulse und radikaler langfristiger Konzepte. Dieser bereits in den 1960er Jahren von Jane Jacobs, der amerikanischen Urbanismus-Kritikerin, konstatierte Verlust urbaner Kultur, erscheint angesichts von Ferropolis wie in einem Spiegel – ein Zerrbild der Umbrüche in den 90er Jahren. Die ökonomische Grundlage ganzer Regionen ist weggebrochen bzw. erheblich geschrumpft. Menschen und industrielle Hinterlassenschaften sind überflüssig geworden. Viele wanderten und wandern ab, ziehen der Arbeit nach. Die städtische Gesellschaft steht auf einer existenziellen Probe. Als soziales Gemeinwesen bietet sie nur noch bedingt Sicherheit, Gelegenheit für Erwerbsarbeit und Befriedigung vitaler Bedürfnisse. Sie ist aber dennoch ein ”Ort menschlicher Bewusstseinsentwicklung” (Mitscherlich, A., 1965, 14) geblieben, wenngleich eines deutlich in Wandlung begriffenen. (Vgl. Leborgne, D., 1990, S. 109 ff) Sie fungiert als Inbegriff von Kultivierung, einer Art Rematerialisierung eines Ortes, der entleert wurde. (Vgl. D. Hoffmann-Axthelm, 1993, 9)

Vermag Ferropolis ein anderes Modell von künstlicher ”Stadt” zu werden, als es der Freizeit- und Medienkonzern ”Walt Disney Company” in den USA mit seiner jüngsten Schöpfung ”Celebration”, nahe den Disneyparks von Orlando/Florida geschaffen hat? ”Celebration ist ... nicht etwa nur ein Versuch, urbane Qualitäten in die ”suburbs” der Vereinigten Staaten zu bringen. Vielmehr handelt es sich bei der Siedlung um einen kritisch zu betrachtenden Ausdruck kultureller und materieller Reproduktion von ”Stadt” durch einen Konzern der Unterhaltungsindustrie. Celebration spiegelt wider, auf welche Weise in einem Gemeinwesen, das als am weitesten entwickelte Freizeit- und Dienstleistungsgesellschaft gilt, soziale Werte und Vorstellungen von Urbanität geprägt und vermarktet werden – und könnte deshalb tatsächlich ein Modell für die amerikanische Stadt der Zukunft sein.” (Roost, F., 1998, 334) Celebration ist ein Versuch, Identität zu stiften und „Geschichte zu erzeugen“ an einem „Unort“. Ferropolis ist angesichts dessen, ein Labor für einen Versuch der Bildung neuer Stadt-Entwicklungsmodelle an einem Zäsurpunkt der urbanisierten Gesellschaft an einem authentischen Ort: Inszenierung von Stadt als gelebte Wirklichkeit – als Verbindung aus Bewahren und Neuschöpfen von Identität, ein Schlüssel für soziale und ökonomische Neubelebung. Dabei spielt die nachvollziehbare Geschichte des Ortes eine wesentliche Rolle. Solch eine Inszenierung, wie sie Ferropolis darstellt, erscheint nicht als Täuschung, von denen die Vergnügungsindustrie lebt. Sie gehört – in Form einer Verfremdung - aber auch bei Ferropolis zum Vorgang einer Inwertsetzung von Vergangenem, und ist somit Teil der Kultur einer Gesellschaft. Fantasievolle Anregungen im Umgang mit scheinbar Wertlosem, mit überflüssig gewordenen Gegenständen initiiert eine auch im ökologischen Sinne zu verstehende Wiederverwendungskultur. Die viel beschworenen Nachhaltigkeit muss, will sie überhaupt noch eine Chance haben, auch Lust machen. Hier verläuft der Grat zwischen konsumorientierter Vermarktung und einer Kultur der Reparatur und Aneignung von Verbrauchtem als kreative Neugestaltung von Lebensumwelt. Dies ist das Gegenteil von ”Sanierungsfall”, von technischer Instandsetzung einer ausgekohlten Landschaft. Ferropolis geht über die normale Sanierung der Tagebaue hinaus. Dieser Ort steht als Symbol und reales Projekt für einen Anfang und für eine Alternative. Es ist ein Ort, der zunächst für das Verlassen steht und dann zugleich für die Rückkehr von Menschen an diese „Wüstung des Industriezeitalters“.

Die Hinterlassenschaften der Industrie erfahren die Einordnung in die Kategorie technischer Wartungs- oder Sanierungsfälle. (Knodt, R., 1994, 75) Geschichts-”befreite”, gestaltarme, fantasielose, nach technischen Standards bereinigte Areale entstehen aus dieser Denkweise, die die Monokultur der industriellen Vernutzung in die Monostruktur einer anthropogenen, sanierten Steppe transportiert, die vor allem einem Kriterium zu genügen hat: technischer Sicherheit, die überdies nicht garantiert werden kann. (Vgl. Ganser, K., 1998, 96) Dem steht Ferropolis entgegen. Dieses Projekt bedingt und bewirkt neue Denkweisen. Fantasie, Ironie und eine werdende, gebaute Realität miteinander verbindend, entsteht Ferropolis als lokaler Versuch ”zwei der zur Zeit meist gestellten Fragen zu beantworten: Wohin bewegt sich der Strukturwandel dieser Region und wie wird eine nachindustrielle Kulturlandschaft aussehen?” (EXPO-Projektvereinbarung, 1997)


Der Name FERROPOLIS

Mit der Präsentation von Ergebnissen des Seminars "Wunden" im Bauhaus 1991, das gemeinsam mit der Universität Braunschweig, Prof. Wehberg, durchgeführt worden war, begann die Auseinandersetzung mit der Frage nach der Zukunft der Bergbaufolgelandschaft im Rahmen des Projektes Industrielles Gartenreich. Einer der Teilnehmer führte den "Tanz der Bagger" auf, ein anderer las das selbst verfasste Gedicht „AB-RAUM“ dazu. In langsamen, getragenen Bewegungen formierte er tänzerisch einen Raum, der die "Akropolis" über den "Wunden" in der Landschaft umriss. Diese "Stadt" versprach keine Heilung sondern Andacht und Anregung zu neuer Gestaltung des Ortes. Die Assoziation liegt nahe: Auf einer Anhöhe über der zumeist als "Mondlandschaft" bezeichneten Grube erhebt sich eine „Stadt“, die einem besonderen Zweck dient, ungewöhnlich in ihrer Formgebung ist und weithin sichtbar erscheint. Die Akropolis von Athen, die Stadt der antiken Götterwelt, erhebt sich über der profanen Stadt der Bürger. Die Analogie scheint vermessen zu sein. Doch nach wie vor wirkt der Urtyp einer europäischen Stadt, die griechische Polis, anregend und herausfordernd für Überlegungen zur Zukunft der urbanisierten oder devastierten Umwelt. Auf den ersten Blick war die Idee, den "Tanzplatz der Giganten" am Grubenrand nicht als Museum in der Landschaft oder als Stahlskulptur aufzufassen, sondern als "Stadt", die Eröffnung einer weitergehenden Dimension von touristischer Attraktion als sie in Freizeitparks gemeinhin angeboten wird. POLIS suggeriert eine soziale Angelegenheit.

Im Zentrum einer solchen POLIS befand sich ein Forum (Agora) mit den wichtigsten öffentlichen Bauwerken der Stadt. Diese wären, so die Idee, die Bagger, nutzbar durch Besucher und zeitweilige Bewohner. Doch zugleich sollte Bergbaugeschichte gezeigt werden, verfremdet und offen für neue Nutzungen der Großgeräte. Die Bagger stehen somit auch für irdische "Götter", die dem Fortschritt den Weg ebneten. Jetzt haben sie ihr Werk beendet. Das zur Ruhe gekommene Eisen kündet von der einstigen Botschaft einer lichten Zukunft und von einem verdienten Innehalten, von unbekümmerter Art mit technischen Großgeräten umzugehen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden und zu Denkmalen geworden sind. Sie künden auch von wirtschaftlichen Chancen, über eine vielleicht ganz neue Art des Tourismus oder der Gewerbeansiedlung, des Wohnens und der Freizeitgestaltung, neues Leben in der als ausgestorben geltenden Landschaft anzuregen.

Die latainisch-griechische Wortschöpfung war anfangs nur als Arbeitsbegriff für ein mögliches Projekt gedacht. Der Name steht für die Idee und der "richtige" Titel sollte noch erdacht werden. Doch die assoziative Kraft war stärker. Ferropolis verbreitete sich und wurde zum Inbegriff einer neuen Gestaltungshaltung.

In den mehr als 10 Jahren der Entwicklung des Projektes durchlief Ferropolis zwei Phasen. Von 1991 bis 1995 wurde das Vorhaben vom Bauhaus erdacht, praktisch initiiert und mit der Bergbaugesellschaft (zunächst der MIBRAG, dann der MBV und schließlich der LMBV*) sowie vielen regionalen Partnern und der Landesregierung vorangetrieben. Dies mündete in der Stadtgründung, d.h. dem Aufstellen der Großgeräte am 14. Dezember 1995 mit der Enthüllung des Stadtschildes durch den Wirtschaftsminister Sachsen -Anhalts. Im folgenden wurde Ferropolis unter dem Dach der EXPO 2000 Sachsen-Anhalt GmbH infrastrukturell erschlossen, ausgebaut und mit einigen größeren Veranstaltungen in der Öffentlichkeit bekannt gemacht. 1999/2000 erfolgt die infrastrukturelle Fertigstellung. Dann begann die Etablierung als kultureller und experimenteller Ort. In dieser Zeit hat bereits eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Werden dieser neuen "Stadt" begonnen. Designer, Bildhauer, Maler, Schauspieler, Musiker und Medienkünstler haben Ferropolis zu ihrem Ort erkoren. Sie sind bekanntlich die "Pioniere" der "Eroberung" von neuem Terrain. Diese Phase muss noch weit über die gegenwärtig letzte Phase des Aufbaus hinausreichen, ja sich überhaupt erst entfalten, wenn mehr Menschen hier tätig sein werden. Die unmittelbare ”Nach-EXPO”- Zeit wurde zur ”Nagelprobe” für die wirtschaftliche Lebensfähigkeit der ”jungen Stadt”. Sie hat sie letztlich bestanden, allerdings mit großen Schwierigkeiten.

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